20. Februar 2026

Ein Vorbild für die Figur der Franziska? Zum Fund eines bisher unbekannten Weiß-Briefes

von Cornelia Heering

Leopoldine Konstantin

Sie muss ihm schon früher und erst recht nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans in den Sinn gekommen sein: Die Schauspielerin Leopoldine Konstantin. Im Jahr 1916 war Ernst Weiß an verschiedenen Standorten der österreichischen Armee als Regimentsarzt „auf Abruf“ stationiert. Die Wartezeit vor seiner Verlegung an andere Frontabschnitte verbrachte er mit dem Schreiben von Briefen an Rahel Sanzara, mit dem Entwurf neuer Texte, mit der Überarbeitung seines Romans „Tiere in Ketten“ und mit den Vorbereitungen von Vertragsverhandlungen mit Verlagen. Und während dieser Zeit erscheint sein zweiter Roman „Der Kampf“. Franz Kafka erwähnt in seinen Tagebüchern am 28. Juli 1914, dass er und der Autor an diesem Text arbeiten. Er schreibt: „Wir sitzen zum Beispiel und korrigieren den ‚Kampf‘.“

Es ist demnach eine beziehungsreiche Handschrift, die jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach gefunden worden ist: Ein bisher unbekannter Brief von Ernst Weiß an die Schauspielerin Leopoldine Konstantin vom 23. Juni 1916. Der Autor schreibt an die Darstellerin, die er von seinen Brünner Jugendtagen her kennt und die eine Freundin seiner Schwester Alice war, und kündigt der inzwischen berühmt gewordenen Konstantin eine Botin an: Rahel Sanzara, die damals noch das Pseudonym Sansara trug, werde der Schauspielerin das Buch „Der Kampf“ überbringen. Dieser Roman ist die zweite eigenständige Publikation des Schriftstellers nach seinem Erstling „Die Galeere“ und gerade erst erschienen. Weiß appelliert an die Briefempfängerin im Hinblick auf sein Buchgeschenk: „Bitte lesen Sie es, vielleicht finden Sie einige Ihrer Züge in der „Franziska“ wieder. Ich glaube, mir schwebte beim Schreiben manchmal das Bild der 16 bis 18 jährigen Poldi Konstantin vor.“ Der Brief ist somit einer der seltenen Hinweise darauf, dass Ernst Weiß eine Jugenderinnerung mit der Protagonistin des Romans verband.

Der zweite besondere Punkt besteht darin, dass Ernst Weiß darauf hinweist, wer die Überbringerin des Buches ist: Seine Freundin Rahel Sansara. Er empfiehlt sie als begabte Künstlerin und bittet „Poldi“, wie er die Adressatin anspricht, ihr „irgendwie zu raten“:

„Ich war vor einiger Zeit in Freiburg bei der Alice, wir sprachen jedesmal von Ihnen, und erinnern uns gemeinsam verlebter jugendschöner Tage; vielleicht finden Sie etwas von diesem uns ersehnten, nie erreichten tausendjährigen Reich der Jugend in meinem Roman! Fräulein Rahel Sansara, die Ihnen das Buch bringen wird, meine frühere Sekretärin, Freundin von Alice, die sie freilich noch als Sekretärin kennt, und nicht als die hochbegabte Tänzerin, die sie im Grunde ist, also Fräulein Sansara hat Sie unlängst im Film bewundert, wo Sie mit einer Katze gespielt haben.

Vielleicht können gerade Sie, die es bei Ihrer künstlerischen Carriere so schwer gehabt hat (mir geht es freilich auch nicht besser), vielleicht können Sie Fräulein Sansara irgendwie raten. Tun Sie das bitte!“

Ernst Weiß appelliert an die Schauspielerin, die als Künstlerin trotz aller Widerstände an ihrem Ziel, eine erfolgreiche Bühnenkarriere zu erreichen, festgehalten hatte, und verweist auch auf seine eigene Situation als Künstler – „mir geht es freilich auch nicht besser“ – schreibt er.

Der Brief gibt Hinweise auf die Fähigkeit des Autors, Persönliches und Fiktionales sehr bewusst zu verknüpfen, aber nicht zu vermischen, und er zeigt, dass Ernst Weiß nicht nur um Kontakte und den Aufbau eines Netzwerks für sich selbst, sondern auch für seine Partnerin und seine Freunde bemüht war.

Leopoldine Konstantin war zum Zeitpunkt der Niederschrift des Briefes wahrscheinlich noch in Berlin, wo Rahel Sansara sie aufgesucht haben wird, bevor die Schauspielerin Berlin wegen eines Konfliktes mit Max Reinhard, der in dem Brief ebenfalls erwähnt wird und mit dem die Schauspielerin auf den „Reinhardt-Bühnen“ bis 1912 zusammengearbeitet hatte, verließ. Das Schreiben ist datiert, aber nicht mit der Adresse der Empfängerin versehen. Leopoldine Konstantin stammte wie Ernst Weiß aus Brünn, wo sie 1886 geboren war, also vier Jahre nach dem Schriftsteller. Ihre Karriere führte sie weiter nach Wien, nach London und 1938 in die USA., wo sie ihren größten Erfolg in der Verfilmung eines Nazi-Stoffes durch Alfred Hitchcock feierte: „Notorious“ („Berüchtigt“) im Jahr 1945. Die Schauspielerin, die in „Berüchtigt“ die Mutter eines in eine Nazi-Intrige verwickelten deutschen Spions, gespielt von Claude Rains, spielte, war zum Zeitpunkt ihrer Darstellung in der Rolle 59 Jahre alt. Die Hauptrollen spielten Cary Grant und Ingrid Bergman. Bemerkenswert ist die Rolle, mit der die Schauspielerin sich nicht besonders identifizierte, dadurch, dass sie der Anfang einer leitmotivischen Struktur in den Filmen Hitchcocks darstellte. Eine vergleichbar „spezielle“ Mutter-Sohn-Besetzung, in der der Altersunterschied zwischen Mutter und Sohn unrealistisch ist, verwendete Hitchcock später in seinem Film „Der unsichtbare Dritte“ mit der „Mutter“ Jessie Royce Landis, die nur gut sieben Jahre älter als ihr „Sohn“ Cary Grant war.

Der Brief von Weiß aus dem Juni 1916 enthält ein ganzes Beziehungsgeflecht an Informationen. Als Anlass wird das Erscheinen des Romans „Der Kampf“ genannt und die Nähe der Protagonistin zu der bekannten, aber auch in Bühnenkonflikte verwickelten Schauspielerin. Rahel Sansara, für die sich Ernst Weiß in dem Brief einsetzt, hat zu diesem Zeitpunkt ihre Ausbildung als Schauspielerin bei Rita Sacchetti in Berlin begonnen. Ernst Weiß bringt in dem Brief außerdem seine Schwester Alice ins Spiel, die im Kriegsspital Leipnik in Mähren stationiert ist. Das bedeutsame Schreiben ist möglicherweise aus dem Archiv des S. Fischer Verlags, das im Deutschen Literaturarchiv verwahrt wird, in den „Teilnachlass Ernst Weiß“ geraten

Foto: Leopoldine Konstantin, Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-2008-0128-500

Über die Autorin

Cornelia Heering

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil

20.02.2026     Rubrik:     Direktlink

17. Februar 2026

Empfehlungen von Ernst Weiß für das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“

von Peter Engel

Das Beziehungsfeld, in dem der Schriftsteller Ernst Weiß während der 20er Jahre in der deutschen Hauptstadt Berlin agierte, war vielfältig ausdifferenziert und stark darauf ausgerichtet, seine eigenen literarischen Werke bei Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen „unterzubringen“, weil er nur so seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Anders etwa als Kafka, der einen zwar ungeliebten, aber einträglichen Brotberuf als Versicherungsangestellter hatte, anders auch als jene zeitgenössischen Schriftsteller, die mehr oder minder feste „buchnahe“ Anstellungen hatten, war Weiß als freier Schriftsteller in besonderem Maße auf das angewiesen, was man heute als Vernetzung mit einflußreichen Persönlichkeiten bezeichnen würde. Aber er nahm in seinem Beziehungsfeld nicht nur Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch, er wurde auch selbst tätig und gab – wenn er dazu eine Gelegenheit hatte - Empfehlungen ab, die Personen aus seinem Umfeld nützen konnten.

Empfehlungen von Ernst Weiß für das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“

Ein Beispiel dafür ist ein Brief, den Weiß an den in Berlin lebenden und wirkenden Psychologen Paul Plaut schrieb, an dessen bemerkenswerter Studie „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“ er mit einem Beitrag selbst beteiligt war. 1) In dem 1929 im Stuttgarter Verlag Ferdinand Enke erschienenen Buch, das ganz in Vergessenheit geraten ist, äußert sich Weiß so ausführlich über sein eigenes Schreiben, wie er das an keiner anderen Stelle getan hat, weshalb die Entdeckung dieses Textes von einiger Wichtigkeit für die weitere Forschung über den Schriftsteller ist. 2) Der 1894 in Berlin geborene Paul Plaut hatte ursprünglich Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und wurde nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1920 in Greifswald mit einer Arbeit über Balzac promoviert. Von 1922 an begann der jüdische Wissenschaftler zusätzlich ein Medizinstudium, erwarb 1927 auch darin den Doktorgrad und wirkte dann hauptberuflich als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus.

Plaut nahm mit anderen zusammen wegweisende kriegspsychologische Untersuchungen vor und interessierte sich zudem für die seelischen Bedingungen, unten denen insbesondere Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zu ihrer schöpferischen Arbeit befähigt sind. Er wandte sich dabei gegen den herkömmlichen Geniebegriff und sammelte vielmehr aussagekräftige empirische Daten, indem er an 400 „produktive Persönlichkeiten“ Fragebögen schickte. Zu den auf diese Weise herangezogenen „Untersuchungsobjekten“ seines dann 1929 veröffentlichten Buches, durchweg namhafte Vertreter aus den Künsten und den Wissenschaften, gehörte eben auch Ernst Weiß. Der Psychologe emigrierte erst ungewöhnlich spät im Jahr 1938 nach England und starb 1960 in London.

Der dreiseitige Text von Ernst Weiß in Plauts Buch, der ohne Überschrift abgedruckt wurde, ist im Inhaltsverzeichnis des Bandes eigenartigerweise gar nicht aufgeführt, sondern wird in einer Art Anhang, mit nur ganz wenigen anderen zusammen, in ganzer Länge wiedergegeben. Plaut hatte vermutlich die schon für seine Studie gewonnenen Beiträger aus mehreren Sparten jeweils darum gebeten, ihm weitere in Frage kommenden Personen zu benennen, die er ebenfalls für seine Studie befragen könnte. Ernst Weiß nutzte jedenfalls seinen Kontakt mit dem Psychologen dafür, ihm zwei Empfehlungen in folgendem Schreiben zu übermitteln:

Daß Ernst Weiß Rahel Sanzara, seine langjährige Geliebte, als mögliche Beiträgerin für Paul Plauts Studie empfahl, erscheint auf den ersten Blick nicht als verwunderlich, tatsächlich aber war er ihr Mitte der zwanziger Jahre zwar noch innerlich nahe, aber vermutlich nicht mehr intim verbunden. Die Sanzara hatte sich nach ihrer Bühnenkarriere als Schriftstellerin versucht und 1926 mit ihrem ersten Roman „Das verlorene Kind“ einen Sensationserfolg erzielt. Manche schrieben dieses Werk Weiß zu, der das aber immer abgestritten hat und wohl wirklich nur einen gewissen inspirierenden Anteil an dem Buch hatte. Wenn er das Werk in seiner Empfehlung an Plaut einen „außerordentlichen“ Roman nennt, so war das ein Urteil, wie er es auch in seiner eigenen Besprechung des Werks anklingen läßt. 3)

Erstaunlicher ist die zweite Empfehlung, die Weiß in seinem Schreiben an Plaut aussprach. Den Vornamen des Malers Wollheim schrieb er zwar falsch – er lautet richtig Gert und nicht Gerd -, aber der Künstler, der damals zu den herausragenden gegenständlich arbeitenden Malern gehörte, muß ihm bekannt gewesen sein, sonst hätte er sich wohl kaum für ihn eingesetzt. 4) Die von ihm benannte Galerie Wiltschek, unter deren Anschrift Viktoriastraße 2 der Künstler zu erreichen sei, dürfte Weiß selbst aufgesucht haben, möglicherweise kannte er auch den Galeristen Rudolf Wiltschek persönlich, denn der stammte wie er aus Brünn, war allerdings fünf Jahre jünger. 5) Plaut hat beide Empfehlungen von Weiß entweder nicht berücksichtigt oder die Angeschriebenen haben ihm nicht geantwortet, denn weder die Schriftstellerin noch der Maler sind unter den Persönlickeiten aufgeführt, die dem Psychologen die Sicht auf ihr jeweiliges Schöpfertum dargelegt haben. 

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Hinweise

1) Den Hinweis auf den Brief - wie zuvor schon auf das Buch von Plaut - verdanke ich dem Literaturwissenschaftler Gregor Ackermann, der in den seinerzeitigen „Weiß-Blättern“ mehrere Teilbibliographien zum Schaffen von Ernst Weiß veröffentlicht hat. Das weiter unten wiedergegebene Schreiben des Schriftstellers wird in der Wiener Holocaust Library aufbewahrt und ist, zusammen mit dem übrigen Zuschriften an Plaut von bedeutender Persönlichkeiten, darunter Alfred Döblin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Ricarda Huch, Edmund Husserl, Käthe Kollwitz, Thomas Mann. Max Planck, Max Slevogt, Carl Sternheim und Ernst Toller, im Internet einsehbar unter dem Programmpunkt „Paul Plaut: correspondence“.

2) Der Text ist unter der Überschrift „Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben“ am 23. März 2023 unter der Rubrik „Neuigkeiten“ auf dem „Ernst Weiß Portal“ neu veröffentlicht worden.

3) Vgl. die Weiß-Rezension „Das verlorene Kind“, die zuerst 1926 in der Zeitschrift „Der Querschnitt“ erschien und die der Verfasser in seine Sammlung „Das Unverlierbare“ übernahm, die 1928 bei Rowohlt herauskam, jetzt ist der überschwengliche Text nachzulesen in der Zusammenstellung „Die Kunst des Erzählens“, der 1982 als 16. Band der vom Suhrkamp Verlag vorgelegten Weiß-Werkausgabe erschien, dort auf den Seiten 291 bis 296.

4) Mona Wollheim, die spätere Frau des Malers, lernte Weiß erst viele Jahre später während seines Pariser Exils kennen. Sie hat darüber in dem Bändchen „Begegnung mit Ernst Weiß, Paris 1936-1940“ berichtet, das 1970 im Münchner Kreißelmeier Verlag erschien.

5) Aus der „Opferdatenbank Holocaust“ geht hervor, daß Rudolf Wiltschek 1887 in Brünn geboren und 1942 im KZ Sobibor ermordet wurde. Seiner Galerie, in der er 1928 nachweislich Werke von Gert Wollheim zeigte, und seiner möglichen Bekanntschaft mit Weiß ist an anderer Stelle noch einmal genauer nachzugehen.


Über den Autor

Peter Engel

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin (Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden (Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv, in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben der Weiß-Romane befinden.

17.02.2026     Rubrik: Beiträge     Direktlink

17. Januar 2026

„Albert Ehrenstein und die Musik“ - Eine bisher unbeachtete Handschrift von Ernst Weiß

von Cornelia Heering

Es sind nicht viele eigenhändige Werke von Ernst Weiß erhalten geblieben, die meisten seiner auf uns gekommenen Texte sind diktiere Typoskripte oder gedruckte Publikationen. Umso bemerkenswerter ist ein bisher unbekannter Fundus aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, zu dem neben 81 handschriftlichen Briefen an Rahel Sanzara ein Manuskript über die 1916 im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienene Lyriksammlung „Der Mensch schreit: Entwandlung“ von Albert Ehrenstein gehört. Der Titel dieser handschriftlichen Rezension lautet „Albert Ehrenstein und die Musik“, ob sie veröffentlicht wurde, ist bisher noch nicht ermittelt worden.

Gleich im ersten Satz seiner Besprechung führt Weiß einen ungewöhnlichen Vergleich ein: „Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als begleitender, wirklich führender Musik.“ Als einen solchen Oratoriendichter beschreibt Weiß den Lyriker Ehrenstein.

Es gibt nicht allzu viele Aussagen von Ernst Weiß zum Thema Krieg. Seine eigenen Erfahrungen hat er in seinem literarischen Werk verarbeitet, am intensivsten in seiner Erzählung „Franta Zlin“. Eindeutiger hat sich dagegen Ehrenstein als Kriegsgegner geäußert, und dass Ernst Weiß sich ihm in dieser Rezension an die Seite stellt, ist bemerkenswert an dem Text. Der Besprecher geht auch darauf ein, dass Ehrenstein in seiner Lyriksammlung ein Gedicht seinem Freund Georg Trakl widmet, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. In seiner Interpretation dieses Textes spricht Weiß davon, dass „atemlose Erhebung über die Bedrückung“ die Wirkung des Gedichtes sei. Die Besprechung des Lyrikbandes schließt mit dem Urteil, dass sie „Musik der Musik“ sei, die über den Tod hinausführt. Und dann heißt es weiter:

"Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als begleitender, wirklich führender Musik. Die Grundfigur dieser Art ist Lord Byron: Manfred, Kain, die orientalischen Gesänge, ja selbst Childe Harold und Don Juan sind opernmäßig, freilich opernmässig in einer Höhe, die der Komponist der Durchschnittszeit kaum erreicht.
Die Musik, die ich meine, ist nicht gemeint als musikalischer Wohlklang: Wohlklang ist ja doch nicht der Musik eigentümlichstes Merkmal, sonst wäre die Glocke ein musikalisches Instrument, und die Geige ein Kinderschreck. Musik ist das Mitschwingen einer sonst den Lebenden unerreichbaren Dimension durch die Kunst. Und diese Art Musik, die weit über unseren Häuptern weht, die höre ich, und hören bald viele, hoffe ich, aus den Werken Ehrensteins heraus."

Ernst Weiß, der später sehr viele Rezensionen als Auftragsarbeiten schrieb, zeigt sich in der bisher unbekannten frühen Ehrenstein-Würdigung auch als profunder Musikkenner. Er spielte nach dem Zeugnis seiner Freunde selbst ausgezeichnet Klavier und bemühte sich auch während seiner Stationierung als Regimentsarzt in der österreichischen Armee um ein Instrument, auf dem er Stücke auswendig spielte. Der Fund der Handschrift „Albert Ehrenstein und die Musik“ ist erst nach dem Erwerb mehrerer Briefe aus dem Bestand eines privaten Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv möglich geworden. Der komplette Text wird demnächst in einer größeren Publikation zugänglich gemacht.

Foto: Albert Ehrenstein, 1910er Jahre, Quelle: Wikipedia

Über die Autorin

Cornelia Heering

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil

17.01.2026     Rubrik: Beiträge     Direktlink

30. November 2025

Pressestimmen: Ernst-Weiß-Roman „Männer in der Nacht“ erstmals auf italienisch

von Ginevra Quadrio Curzio

Die erste italienische Übersetzung des Weiß-Romans Männer in der Nacht ist im Februar dieses Jahres, genau 100 Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe, von dem jungen Mailänder Verlag Medhelan herausgebracht worden. Der Band Uomini nella notte (traduzione e cura di Ginevra Quadrio Curzio) umfaßt 180 Seiten und kostet 20 Euro. Das Echo in der Presse war vielfältig und durchgehend positiv. Im Folgenden werden die relevantesten Pressereaktionen kurz zusammengefaßt.

Pressestimmen: Ernst-Weiß-Roman „Männer in der Nacht“ erstmals auf italienisch

Die Reihe der Berichte wurde am 28. Februar eingeleitet mit einem langen Artikel von Riccardo Canaletti in der Tageszeitung „Il Foglio“ mit Sitz in Mailand und Rom. Unter dem Titel Un romanzo su Balzac e l’irragionevolezza del mondo (Ein Roman über Balzac und die Unvernünftigkeit der Welt) setzt der Rezensent den Schriftsteller Weiß und sein Werk insgesamt in Beziehung zu seinem Freund Franz Kafka, dessen er bedurft habe, damit er über „sich selbst klar“ wurde. Der Stil des Romans wird als ein „hoher, durchgearbeiteter“ gewürdigt und mit dem des englischen Schriftstellers Martin Amis verglichen.

Am 9. März figurierte Uomini nella notte an dritter Stelle in der Rangliste der besten Neuerscheinungen in der Kulturbeilage „Robinson“ der Tageszeitung „La Repubblica“. Kurz darauf, am 13. März, erschien eine Besprechung von Daniele Abbiati in der Tageszeitung „Il Giornale“ mit dem Titel Il dottor Weiss scruta nell’anima dei suoi „Uomini nella notte“ (Der Arzt Dr. Weiß schaut in die Seele seiner Männer in der Nacht). Darin geht es auch um die anderen Arzt-Protagonisten in den Romanen von Ernst Weiß, und es wird hervorgehoben, daß Ärzte wie Schriftsteller versucht seien, „Gott zu spielen“, das Schicksal der Menschen neu zu gestalten. Der Rezensent lobt insbesondere die psychologische „Durchschlagskraft“ der Werke von Weiß und findet, daß der Bericht über die Affäre Peytel den besten Kriminalromanen von Georges Simenon in nichts nachsteht.

Am 1. April lobte „Il Riformista“ die Initiative des Verlags Medhelan, „ein bisher unbekanntes Kleinod“, den großartigen Roman über Balzac, ins Italienische übersetzen zu lassen. Vom 5. Mai datiert die von Vito Punzi verfaßte Besprechung in der Tageszeitung „Avvenire“, wonach die relative Vergessenheit, in die Ernst Weiß geraten ist, mit den Auswirkungen der Nähe zu seinem Landsmann Franz Kafka zu erklären sei. Dennoch meint der Rezensent, daß gerade jene Elemente Weiß heute noch lesenswert machen, die ihn mit seinem Freund Kafka verbinden, insbesondere im Blick auf die Beleuchtung der tragischen Lage der Kreatur, die der Mensch mit den Tieren teilt. Auch findet Vito Punzi den Bericht über die Affäre Peytel überzeugender als die Kapitel, die dem Aufstieg und Fall des Napoleon Bonaparte gewidmet sind.

Am 13. Mai war im Literatur-Blog „LuciaLibri“ über Uomini nella notte die Rede von dem „erstaunlichen Werk“ eines „noch nicht genügend bekannten mitteleuropäischen Autors, dessen Romane die Verlagskataloge von Adelphi, Elliot, Castelvecchi und nun auch Medhelan“ schmücken. Der Blog-Artikel enthält leider einige Ungenauigkeiten, wie z. B. die verbreitete, aber nicht zutreffende Legende, nach der die im Roman „Der Augenzeuge“ erzählte Geschichte autobiographisch sei und Weiß selbst als Arzt im Ersten Weltkrieg Adolf Hitler von seiner hysterischen Blindheit geheilt habe.

Schließlich brachte „La Provincia“, die Tageszeitung der Provinz Como, am 20. Oktober eine von Mattia Mantovani stammende Rezension des Buches. Darin wird die Thematik betont, die den Roman mit dem restlichen Werk des Autors verbinde: Das Leben als ein Schicksal, dessen Verlauf der Mensch zwar beeinflussen, aber nicht aufhalten könne. Das Buch sei vielleicht nicht der beste Roman von Weiß, aber Männer in der Nacht habe den Vorzug, die genannte Grundansicht unmißverständlich klar zum Ausdruck zu bringen.

30.11.2025     Rubrik: Beiträge     Direktlink

02. Oktober 2025

Ernst Weiß und E. R. Weiß – Der Schriftsteller und sein bekanntester Buchgestalter

von Peter Engel

Das Thema „Ernst Weiß und die bildende Kunst“ ist bisher aus dem einfachen Grund noch nicht behandelt worden, weil es dafür an einschlägigem Material mangelt. Zwar hat sich der Schriftsteller in seinen Essays, Aufsätzen und Schriften zur Literatur nicht nur mit den von ihm geschätzten Autoren befaßt, sondern ebenso die großen Maler von Raffael bis Rubens, von Dürer bis Rembrandt – in den passenden Zusammenhängen – mit einigen Worten bedacht. Auch Manet und Degas, van Gogh und Cezanne, ja selbst Munch und Le Corbusier waren ihm ein paar Bemerkungen wert, aber die schöpfte er aus seinem Bildungsvorrat, die meist knappen Erwähnungen waren nicht der eingehenden Beschäftigung mit den genannten Künstlern geschuldet. Einzige Ausnahme von dieser Regel ist der intensive Essay, den Weiß dem Zeichner Honoré Daumier widmete und der ihn auf der Höhe seiner analytischen Fähigkeiten zeigt.

Ernst Weiß und E. R. Weiß – Der Schriftsteller und sein bekanntester Buchgestalter

Über die tatsächlichen Kunstkenntnisse des Schriftstellers wissen wir kaum etwas, in seinen bisher bekannten Briefen etwa findet sich nichts über Museumsbesuche oder Begegnungen mit Künstlern. Dabei sind einige seiner Werke illustriert worden, so die Erstausgabe seines Romans „Die Feuerprobe“ (1923) von keinem geringeren Maler als Ludwig Meidner. Auch haben bekannte Buchgestalter für seine Romane Einbände und Umschläge geschaffen, durch die sie aus der Masse des üblichen Lesestoffs herausgehoben werden sollten. In einem Fall hat sich Weiß über einen solchen Buchkünstler auch geäußert, nämlich über Hans Meid, aber das geschah nur anläßlich der Besprechung von Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ (1930), die von Meid „reizend illustriert“ worden sei, wie der Rezensent beiläufig anmerkte.

Ungewiß ist, ob Weiß jemals Kontakt mit einem der bedeutendsten Buchkünstler während der Zeit der Weimarer Republik hatte, nämlich mit E. R. Weiß, mit dem er nicht nur den Nachnamen teilte, sondern der auch für die äußere Gestalt seines Roman „Boetius von Orlamünde“ von 1928 verantwortlich war. Dieser Künstler, der vor 150 Jahren, am 12. Oktober 1875 im badischen Ort Lahr geboren wurde und dem die Eltern die Vornamen Emil Rudolf gaben, war – mit einem heutigen Ausdruck - der Chefdesigner des S.Fischer Verlags, zu dem Weiß mit seinem „Boetius“ noch einmal zurückgekehrt war, nachdem in diesem bedeutenden Haus 1913 sein Erstlingswerk „Die Galeere“ erschienen war und danach noch weitere Bücher.

Für die Erstausgabe des „Boetius von Orlamünde“ – die überarbeitete spätere Fassung hieß dann „Der Aristokrat“ – gestaltete E. R. Weiß neben dem Umschlag vor allem auch den Einband, der auf lindgrünem Leinen ein sich aufbäumendes Pferd zeigt. Diese Zeichnung stammt von der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965), die durch ihre Tierskulpturen bekannt wurde und mit der E. R. Weiß seit 1917 verheiratet war. Die Pferdezeichnung ist sogar mit den Initialen der Künstlerin signiert, was bei Einbänden eher selten ist, die Schreibschrift der Titelei scheint die private Schrift von Weiß nachzuahmen, was andeuten könnte, daß es vielleicht doch eine Bekanntschaft zwischen dem Romanautor und den beiden Künstlern gegeben haben könnte, nur fehlen die beweisenden Dokumente dafür bisher. Eine Verbindung gab es aber in der Tat zwischen dem Schriftsteller und der Bildhauerin, beide wurden nämlich 1928 im Kulturprogramm der Sommer-Olympiade von Amsterdam – so etwas gab es damals noch – ausgezeichnet: Weiß eben für den Roman „Boetius von Orlamünde“ mit einer Silbermedaille, Renée Sintenis mit einem dritten Preis beim Kunstwettbewerb in der Sektion Plastik.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, flüchtete Ernst Weiß bekanntlich erst nach Prag und ging dann ins Pariser Exil, wo er sich im Sommer 1940 beim Einmarsch deutscher Truppen das Leben nahm. Der Gestalter eines seiner Hauptwerke, des Romans „Boethius von Orlamünde“, verlor 1933 sofort seine Professur an der Berliner Kunstgewerbeschule, später Vereinigte Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst, wo er seit 1910 die Fachklasse für dekorative Wandmalerei und Musterzeichnen geleitet hatte. Nach dem Verlust seines Lehramtes lebte E. R. Weiß ausschließlich von seiner buch- und schriftkünstlerischen Tätigkeit und zog sich in seine badische Heimat zurück. 1937 wurde er aus der Akademie der Künste ausgeschlossen, am 7. November 1942 starb er in Meersburg, auf andere Art als sein Nachnamensvetter Ernst Weiß ebenfalls ein Opfer der Nationalsozialisten.

02.10.2025     Rubrik: Beiträge     Direktlink

03. September 2025

Seite an Seite mit Walter Benjamin – Nachruf auf Ernst Weiß im New Yorker „Aufbau“

von  Peter Engel

Obwohl sie gemeinsame Bekannte und Interessen hatten, beide ihre Exiljahre während des „Dritten Reiches“ überwiegend in Paris verbrachten und vor 1933 ihr Lebensmittelpunkt Berlin gewesen war, scheinen sich der Philosoph Walter Benjamin und der Romancier Ernst Weiß gegenseitig nicht wahrgenommen zu haben. Dafür hat sich jedenfalls bisher keine dokumentarische Spur finden lassen, was auch deshalb etwas verwunderlich ist, weil beide – um nur das zu sagen – von Franz Kafka und seinem Schaffen fasziniert waren und darüber erhellend geschrieben haben, weil zudem beide früh Werke von Marcel Proust für Berliner Verlage übersetzten. Diese starken Berührungspunkte reichten aber offensichtlich nicht aus, um eine Beziehung zwischen Ernst Weiß und Walter Benjamin zu stiften.

Seite an Seite mit Walter Benjamin – Nachruf auf Ernst Weiß im New Yorker „Aufbau“

Tatsächlich wird der Philosoph in den mir zugänglichen Texten von Weiß nirgends erwähnt, nicht einmal in den drei Schreiben an Siegfried Kracauer, den sehr guten Freund Benjamins. Auf der anderen Seite konnte in den Beständen des Benjamin-Archivs, das die Berliner Akademie der Künste betreut, nicht der geringste Hinweis auf den Schriftsteller ermittelt werden, wie mir die zuständige Bearbeiterin Ursula Marx mitteilte,

Während ihrer Pariser Zeit mußten sich beide Emigranten sehr mühsam durchschlagen, und als Hitler-Deutschland auch in Frankreich einfiel, wußten sie nur zu genau, was Ihnen als Juden bei einem Verbleiben in der französischen Hauptstadt drohte. Ernst Weiß hatte die Energie zur Flucht nicht mehr und legte beim Herannahen der Wehrmacht Hand an sich, starb am 15. Juni 1940. Benjamin war noch rechtzeitig geflohen und schlug sich in den folgenden Wochen bis zur spanischen Grenze durch, wo die Beamten ihn jedoch zurückwiesen und nicht passieren ließen. Er befürchtete eine Auslieferung an die Deutschen, suchte das Hotel Francia de Portbou auf und entleibte sich dort selbst in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940.

Diese beiden Selbstmorde findet man in der Literatur über die deutschsprachige Emigration während des „Dritten Reiches“ häufig verzeichnet, ohne daß dabei die Todesfälle in eine inhaltliche Nähe zueinander gebracht werden. Es gibt aber ein Dokument, in dem die beiden Opfer des nationalsozialistischen Wütens Seite an Seite gewürdigt werden: In der New Yorker Emigrantenzeitung „Aufbau“ fanden die Leser am 18. Oktober 1940 auf der Titelseite Nachrufe auf Walter Benjamin und Ernst Weiß, und dort waren die beiden, die im Leben trotz vieler Gelegenheiten offenbar nicht zueinander gefunden hatten, nun im Tode gewissermaßen vereint, denn ihre Nekrologe standen nebeneinander.

Während der bisher unbekannte Nachruf auf Weiß von einem Verfasser stammt, der seinen kenntnisreichen Text mit dem bisher nicht aufgeschlüsselten Kürzel V.W. zeichnete, hat den Nekrolog auf Benjamin mit bewegenden Worten Theodor W. Adorno verfaßt, der dem Philosophen sehr nahe stand. Sein ehrender Nachruf ist der Forschung bekannt, wie mir Michael Schwarz, der zuständige Mitarbeiter des Adorno-Archivs der Berliner Akademie der Künste mitteilte, er ist im Band 20 der „Gesammelten Schriften“ Adornos enthalten. Hingegen wird der Nachruf auf Ernst Weiß hier nach seinem Erstdruck im „Aufbau“ wieder erstmals wieder zugänglich gemacht.

03.09.2025     Rubrik: Beiträge     Direktlink

06. November 2024

Ergänzungen zur Bibliographie Ernst Weiß im Oktober 2024

Frau Dr. Cornelia Heering aus Berlin hat uns Ergänzungen zur Bibliographie Ernst Weiß zur Verfügung gestellt. Stand: Oktober 2024. 

1. Literaturgeschichtliche Abhandlungen


2023

  • Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter. Lebensgeschichten und Dokumente. Göttingen (Wallstein) 2023.

2018

  • Lothar Köhn: Überwindung des Historismus. Zu Problemen einer Geschichte der deutschen Literatur zwischen 1918 und 1933. Berlin (LIT Verlag, Reihe Zeit und Text) 2018.

2004

  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900-1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. München (Beck) 2004.

2. Darstellungen in kulturwissenschaftlichen Untersuchungen


2024

  • Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur. München (Beck) 2024.
  • Cornelia Heering: Sichtwerk. Bild und Wahrnehmung. Berlin (Logos Verlag, Reihe Formen aus Formen) 2024. (Bes. S. 20, S. 100-114).

3. Dissertationen/Hochschulschriften


2009

  • Christiane Dätsch: Existenzproblematik und Erzählstrategie. Studien zum parabolischen Erzählen in der Kurzprosa von Ernst Weiß. Tübingen (Max Niemeyer) 2009.
  • Cornelia Heering: Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933: Ernst Weiß. Mit einem Exkurs zu Rahel Sanzara. Berlin (LIT) 2009.

2008

  • Tom Kindt: Unzuverlässiges Erzählen und literarische Moderne. Eine Untersuchung der Romane Ernst Weiss. Tübingen (Max Niemeyer) 2008.

1998

  • Anja Lübbig: Die Psychiatrie in den Exilromanen von Ernst Weiss. Aachen (Shaker) 1998.

1994

  • Angela Steinke: Ontologie der Lieblosigkeit. Untersuchungen zum Verhältnis von Mann und Frau in der frühen Prosa von Ernst Weiss. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1994.

1993

  • Margarita Pazi: Ernst Weiß. Schicksal und Werk eines jüdischen mitteleuropäischen Autors in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. u.a. (Lang) 1993.

1990

  • Manuel Streuter: Das Medizinische im Werk von Ernst Weiss. Herzogenrath (Murken-Altrogge) 1990.

1989

  • Thomas Delfmann: Ernst Weiss. Existenzialistisches Heldentum und Mythos des Unabwendbaren. Münster (Kleinheinrich) 1989.

1986

  • Franz Haas: Der Dichter von der traurigen Gestalt. Zu Leben und Werk von Ernst Weiß. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1986.
  • Rita Mielke: Das Böse als Krankheit. Entwurf einer neuen Ethik im Werk von Ernst Weiß. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1986.

1984

  • Margherita Versari: Ernst Weiß. Individualität zwischen Vernunft und Irrationalismus. Frankfurt a. M. u.a. (Lang) 1984.

1981

  • Ulrike Längle: Ernst Weiss. Vatermythos und Zeitkritik. Die Exilromane am Beispiel des „Armen Verschwenders“. Innsbruck (Universitätsverlag) 1981.

1978

  • Margarita Pazi: Fünf Autoren des Prager Kreises. Frankfurt a. Main u.a. (Lang) 1978.

1971

  • Wolfgang Dieter Elfe: Stiltendenzen im Werk von Ernst Weiß unter besonderer Berücksichtigung seines expressionistischen Stils. Frankfurt a.M. u.a. (Lang) 1971.

4. Briefwechsel


(folgt)

5. Erwähnungen


In Biografien anderer Autoren

2007

  • Hans-Harald Müller: Leo Perutz. Biographie. Wien 2007.

2002

  • Rainer Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt am Main 2002.

6. Bezüge in literarischen Texten

  • Anna Seghers: Transit. Darmstadt und Neuwied 1982.
  • Ödön von Horvath: Der ewige Spießer. Laut Traugott Krischke widmete Ödön von Horvath seinen Roman Ernst Weiß. (In: Traugott Krischke: Ödön von Horvath. München 1980. S. 84).

7. Biographien

06.11.2024     Rubrik: Beiträge     Direktlink

21. Oktober 2024

Balzac-Roman von Ernst Weiß wird ins Italienische übersetzt

„Männer in der Nacht“, der einzige historische Roman von Ernst Weiß, wird derzeit ins Italienische übertragen. Die Übersetzerin Ginevra Quardrio Curzio hat die Aufgabe vom Mailänder Verlag Medhelan erhalten, der das Werk im nächsten Jahr herausbringen will. In dem Buch geht es um eine Episode im Leben des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac (1799-1850), der einem fast vergessenen Jugendfreund bei seinem Mordprozeß zu helfen versucht, dabei aber in idealistischer Verblendung die Tatsachen verkennt.

Balzac-Roman von Ernst Weiß wird ins Italienische übersetzt

Der Roman „Männer in der Nacht“, der 1925 im Berliner Propyläen erschien, markiert eine Wende im erzählerischen Schaffen von Ernst Weiß. Er befreite sich in dem Werk von den „Überhitztheiten“ seiner vorherigen Werke und habe „seine Leidenschaft gebändigt, planhaft und voll meisterlicher Geduld“ das Netz seiner Romanhandlung gewoben, wie Stefan Zweig in seiner Rezension des Buches bemerkte.

Weiß hatte sich wegen der Thematik des Werks eine Übersetzung ins Französische erhofft, die aber nicht zustandekam. Der Roman wurde erst in der umfassenden Werkausgabe von 1982 wieder verfügbar gemacht, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem erstmaligen Erscheinen. Bei den Übersetzungen von Weiß-Büchern in diverse Sprachen ist „Männer in der Nacht“ bisher übergangen worden und auch die Literaturforschung hat das Werk unberechtigterweise wenig beachtet.

21.10.2024     Rubrik:     Direktlink

09. Oktober 2024

Ernst Weiß lesen

Auf einer offenen Bühne, auf der ich eine Kurzgeschichte vortrug, kam mir die Idee, eine Lesung zu organisieren, auf der Passagen aus Romanen von Ernst Weiß vorgelesen würden. Eingeführt würde die Lesung mit einer kurzen Vorstellung des Arztes und Schriftstellers Ernst Weiß mit Stichpunkten über seine ganz eigene literarische Handschrift.

Ernst Weiß lesen

Desweiteren könnten Ausgaben seiner Romane und vorhandene Verfilmungen ausgelegt werden, damit Interessierte vor und nach der Lesung einen Überblick über sein Werk und Teile der Rezeption finden können. Auch ein Buchhändler oder eine Buchhändlerin könnte mit einem Stand vertreten sein, der lieferbare Ernst-Weiß-Romane sowie Meisterwerke seiner literarischen Zeitgenossen zum Kauf anbietet.

Zur Zeit suche ich Mitstreiter im Raum Gelsenkirchen, wobei ich mir weitere Lesungen dieser Art (auch mit anderen fast oder ganz vergessenen SchriftstellerInnen der Modernen Klassik) im gesamten Ruhrgebiet vorstellen kann. Arbeitstitel: Fast vergessen – moderne Klassiker der Literatur zwischen Kaiserreich und Faschismus. Melden Sie sich bitte via Email, wenn Sie:

  • Interesse an Mitarbeit haben,
  • Sie einen Vortrag über Ernst Weiß halten möchten,
  • Sie das Projekt anderwertig als BuchhändlerIn, als KennerIn der Kulturförderung oder Literaturmensch unterstützen möchten,
  • oder einfach Freude an Literatur und Organisieren haben.

09.10.2024     Rubrik: Sonstiges     Direktlink

10. Januar 2024

Neue Studie über die Beziehung von Ernst Weiß und Franz Kafka

In der gerade erschienenen E-Book-Ausgabe des Buches „Franz Kafkas literarisches Umfeld in Prag“, den Christine Lubkoll und Harald Neumeyer im Verlag J.B. Metzler (Heidelberg) herausgeben haben, stammt der Beitrag über Ernst Weiß von dem Literaturwissenschaftler Clemens Dirmhirn, einem Mitarbeiter am Institut für germanistische Literaturwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. In einer dem Aufsatz vorangestellten Zusammenfassung heißt es:

Der Beitrag zu Ernst Weiß beleuchtet zunächst die biografische Vernetzung dieses Schriftstellers mit Franz Kafka vom ersten Zeugnis eines Zusammentreffens 1913 bis zu Kafkas Tod 1924. Dabei kommt die wechselvolle Freundschaft ebenso in den Blick wie Zuschreibungen des Westjüdischen. Im zweiten Abschnitt wird das bis 1924 entstandene Frühwerk Weiß‘ fokussiert. Unter Rückgriff auf die zeitgenössische Rezeption werden charakteristische Züge

dieser eng zusammenhängenden Texte benannt. Der Analyseteil widmet sich der ausgeprägten Präsenz von Antithesen, bezieht sie auf die Thematisierung eines aporetischen Verhältnisses zwischen Ideal und Wirklichkeit und setzt sie zu

Kafkas Umgang mit diesem Problem ins Verhältnis. Im letzten Abschnitt werden die jeweiligen Strategien des Umgangs mit diesen Aporien im Kontext eines breiteren Kulturdiskurses verortet. Dabei wird deutlich, dass sich Weiß in spezifische Diskurse einschreibt, während diese bei Kafka selbst thematisch werden.

Autor: Peter Engel

Neue Studie über die Beziehung von Ernst Weiß und Franz Kafka

10.01.2024     Rubrik: Studien     Direktlink

03. November 2023

CFP: Ernst-Weiß-Jahrbuch 1 (2024): Allgemeine Beiträge und Schwerpunkt „Ernst Weiß und Franz Kafka“  (18.12.2023)

Mit dem Ernst-Weiß-Jahrbuch, das ab 2024 voraussichtlich im Universitätsverlag Winter erscheinen soll, schließen wir an die von 1973–76 und 1983–89 von Peter Engel herausgegebenen Weiß-Blätter als Organ für die internationale Ernst-Weiß-Forschung an. 90 Jahre nach den Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 wollen wir damit erneut eine Forschungsplattform für Beiträge zu diesem „tragisch vergessenen“ (FAZ) unter den von den Nationalsozialisten verfolgten Autorinnen und Autoren bieten.


Der Schriftsteller und Arzt Ernst Weiß (1882–1940), zeitweise ein enger Freund Franz Kafkas, wurde in der Zwischenkriegszeit zu den bedeutendsten Romanciers der Weimarer Republik gezählt – so identifizierte Thomas Mann Weiß 1924 als das „wohl das stärkste Talent unserer neuesten Prosadichtung“. Weiß’ Biographie ist typisch für die tragisch gebrochenen Lebensläufe, Netzwerke und die Rezeption jüdischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen im Nationalsozialismus. Im April 1933, schon wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Reichstagsbrand, siedelte er von Berlin zunächst nach Prag über, 1934 emigrierte er nach Paris, wo er in prekären Verhältnissen lebte und von Stefan Zweig und Thomas Mann finanziell unterstützt wurde, denen er seine beiden im Exil bei Querido in Amsterdam und Humanitas in Zürich publizierten Romane Der arme Verschwender (1936) und Der Verführer (1938) widmete. Weiß wählte im Juni 1940, am Tag des Einmarsches deutscher Truppen in das zur offenen Stadt erklärte Paris, den Freitod. Ein Großteil seines Nachlasses gilt als verschollen.

Mehrfach musste das Werk von Ernst Weiß ‚wiederentdeckt‘ werden: zuerst in den 1960er Jahren mit der Publikation seines letzten, im Exil entstandenen Romans Der Augenzeuge, zuletzt um 1982 von Peter Engel und Volker Michels, die bei Suhrkamp seine Gesammelten Werke in 16 Bänden herausgaben. Trotz großer Resonanz in den 1980er Jahren war diese ‚Renaissance‘ nicht von Dauer.

Angesichts dieser bedauernswerten Situation und der durch das Erlöschen der Urheberrechtsschutzfrist 2010 erfolgten Flut ungenügender Ausgaben ist es angezeigt, sich Ernst Weiß und seinem Werk erneut aus dezidiert literaturwissenschaftlicher Perspektive zu nähern, um seine eminente Bedeutung für die deutschsprachige Literatur und seine Relevanz für die Gegenwart herauszuarbeiten.
Das zu diesem Zweck gegründete Ernst-Weiß-Jahrbuch soll neben einer allgemeinen Sektion literaturwissenschaftlicher Abhandlungen auch Platz für Rezensionen und Editionen relevanter Materialien bieten. Eine weitere Sektion soll sich jährlich einem Schwerpunktthema widmen, wobei das erste Heft zum 100. Todestag Franz Kafkas 2024 „Ernst Weiß und Franz Kafka“ fokussiert.

Bitte senden Sie Beitragsvorschläge von ca. 500 Wörtern für die allgemeine Sektion oder das Schwerpunktthema 2024 „Ernst Weiß und Franz Kafka“ mit kurzen bio-bibliographischen Angaben zu Ihrer Person bis zum 18.12.2023 an Peter Engel (peter_engel@gmx.de) und Diego León-Villagrá (diego.leon-villagra@uni-weimar.de). Die Abgabe der fertigen Beiträge für das Ernst-Weiß- Jahrbuch 1 (2024) erbitten wir zum 1.4.2024.

Peter Engel

Diego León-Villagrá
Bauhaus-Universität Weimar, Belvederer Allee 9, 99425 Weimar

03.11.2023     Rubrik: Studien     Direktlink

24. Juli 2023

Carlos Fortea - Neue Übersetzung eines weiteren Weiß-Romans ins Spanische

Dem Schriftsteller Ernst Weiß wird weiterhin der Weg zu den spanischen Lesern gebahnt. Nach der großartigen Übersetzung des „Aristokraten“ durch Alberto Gordo kommt nun das Werk „El médico de la prisión“ („Der Gefängnisarzt“, 1934) in die Buchläden, der sechste Weiß-Roman, der auf Spanisch erscheint, diesmal in der Übersetzung des Schriftstellers Carlos Fortea.

Carlos Fortea - Neue Übersetzung eines weiteren Weiß-Romans ins Spanische

Der Verlag, der sich an dieses neue Abenteuer wagt, ist Ginger Ape Books & Films, ein kleines und feines Unternehmen in Málaga, dem wir bereits bedeutende Werke verdanken. Wie in den letzten Jahren in der spanischen Verlagsszene üblich, handelt es sich jedoch nicht um ein Unternehmen mit großen Auflagen oder enormer Medienpräsenz, sondern um einen Verlag von absoluter Seriosität und mit guter Arbeit, bestimmt von literarischen Kriterien und dazu mit einem Katalog gewichtiger Titel ausgestattet.

Carlos Fortea

Das Buch erscheint, und das ist wichtig, im Rahmen des Programms „Kreatives Europa der Europäischen Union“ in einer Sammlung mit dem Titel "Das Mosaik Europas: Verschwundene Königreiche", zu der auch Das Epos der Morgensterne des albanischen Autors Rudi Erebara, Mago der polnischen Autorin Magdalena Parys und Die Geschichte eines Mordes von Ernst Kaiser gehören. Die große europäische Erzähltradition der Vergangenheit lebt in diesen Büchern wieder auf.

Autor: Peter Engel

24.07.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

18. April 2023

Ein erfreulicher Fund: Ernst Weiß zu Hesses “Roßhalde”

Im folgenden Text schreibt Volker Michels über eine Rezension von Ernst Weiß, in der letzterer die Erzählung "Roßhalde" von Hermann Hesse bespricht. Sie erschien am 1. Mai 1914 in der National Zeitung (Berlin, 67. Jg., Nr. 101).  

Volker Michels ist Herausgeber der Werke Hermann Hesses im Suhrkamp Verlag sowie Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Ernst Weiß. Er war viele Jahre Lektor bei Suhrkamp und hat sich dort um viele mehr oder minder vergessene Schriftsteller verdient gemacht.

Ernst Weiß zu Hesses „Roßhalde“ - Ein erfreulicher Fund

von Volker Michels

Als wir 1980 zum bevorstehenden 100. Geburtstag von Ernst Weiß im Jahr 1982 die Jubiläumsausgabe seiner „Gesammelten Werke“ konzipierten, waren uns für den abschließenden 16. Band mit seinen Essays, Aufsätzen und Schriften zur Literatur noch nicht alle seiner durchweg konstruktiven Würdigungen zeitgenössischer Neuerscheinungen ins Netz gegangen, was sich leider erst später herausstellte. Ein uns entgangener Text war seine am 1.5.1914 in der Berliner „National-Zeitung“ erschienene Empfehlung von Hermann Hesses zwei Monate zuvor bei S. Fischer publiziertem Roman „Roßhalde“. Es war das letzte seiner Frühwerke, die noch vor der auch für Hesse so folgenreichen Zäsur des Ersten Weltkriegs erschienen und steht mitten zwischen der idyllischeren Jugendperiode des Erzählers und den innovativen Entwicklungen, die bald darauf mit dem pseudonymen „Demian“ einsetzten.

„Roßhalde“, wie viele seiner autobiographisch fundierten und deshalb erstaunlich wirksamen Erzählungen, thematisiert die Frage, ob ein Künstler, der das Leben nicht nur instinktiv meistern will, sondern es möglichst objektiv zu betrachten und darzustellen beabsichtigt, überhaupt zur Ehe fähig ist. Diese damals für ihn selbst virulente Problematik hat Hesse in der Geschichte des Malers Johann Veraguth fiktionalisiert. Zu Recht weist Ernst Weiß in seiner Rezension darauf hin, dass Leser, die auf action und spannende Handlungsverläufe angewiesen sind, bei solch einem Thema nicht auf ihre Kosten kommen können. Zwar spitzt sich im Verlauf der zunehmenden Entfremdung der Ehepartner ihr Konflikt bis zum Tod des von beiden geliebten Söhnchens Pierre zu, aber die eigentliche Absonderung vollzieht sich in vielen undramatischen, doch prototypischen Episoden.

Die Befunde von Ernst Weiß decken sich vollauf mit Hesses eigener Einschätzung des Buches, als er es dreißig Jahre nach der Niederschrift anlässlich einer Neuausgabe erstmals wieder gelesen hatte. „Ich dachte darin eine Art Edelkitisch zu finden. Aber es war nicht so“, vermerkt er in einem Brief vom 15.1.1942 am Peter Suhrkamp. Es habe sich bewährt. Es stehe vieles darin, was „ich heute nicht mehr vermöchte. Damals mit diesem Buch hatte ich die mir mögliche Höhe an Handwerk und Technik erreicht und bin nie weiter darin gekommen. Dennoch hatte es ja seinen guten Sinn, dass der damalige Krieg mich aus der Entwicklung riss und mich, statt zum Meister guter Formen werden zu lassen, in eine Problematik hineinführte, vor der das rein Ästhetische sich nicht halten konnte.“

In seiner Besprechung trifft Ernst Weiß die Lebensnähe, Anschaulichkeit und den Gehalt dieser Erzählung ebenso sicher wie er das Charakteristische der Werke etwa von Thomas Mann, Franz Kafka, Joseph Roth, Stefan Zweig, Franz Werfel, Jack London, Hans Fallada oder Ernest Hemingway zu erspüren verstand. Hesse selbst, der verschiedentlich empfehlend auf die Bücher von Ernst Weiß hingewiesen hat, bezeichnete die Werke seines Kollegen als „Aufrichtigkeiten und Bekenntnisse eines Mannes, der die Krankheit unserer Zeit im Tiefsten kennt.“

Ein erfreulicher Fund: Ernst Weiß zu Hesses “Roßhalde”

18.04.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

02. April 2023

Carlos Fortea: Ernst Weiß in Spanisch

Auf Bitte von Peter Engel hat der Schriftsteller und Übersetzer Carlos Fortea über die relativ neue Entdeckung von Ernst Weiß in Spanien einen Text geschrieben. 

Die „Anwesenheit“ des Schriftstellers Ernst Weiß in Spanien ist relativ neu, aber nichtsdestoweniger relevant. Wie er selbst in seinen autobiographischen Aufzeichnungen sagte, war er zu Lebzeiten in praktisch keine Sprache übersetzt worden, und das galt auch für das Spanische. Man hätte meinen können, dass seine Stunde mit seiner Wiederentdeckung in Deutschland schlagen würde, aber selbst danach ließ sie lange auf sich warten. Politisch ging es Spanien 1963 nicht viel besser als Adenauers Deutschland -im Gegenteil, es ging ihm viel schlechter -, so dass man nicht damit rechnen konnte, dass Weiß einen Platz in den spanischen Büchereien finden würde.

Carlos Fortea: Ernst Weiß in Spanisch

In der Tat hat er damals keinen gefunden. Er fand ihn auch nicht, wie andere deutschsprachige Autoren, mit dem Beginn der Wende zur Demokratie. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis unsere Verlagsbranche den Sprung wagte, ihn zu entdecken. 1988 veröffentlichte Ediciones B Verlag in der Reihe Narradores de hoy [Heutige Romanciers] erstmals El testigo ocular [Der Augenzeuge], übersetzt von Alfonsina Janés und mit einem Nachwort von Peter Engel.

Damals blieb das Buch weitgehend unbeachtet, obwohl es zwei Jahre später vom Buchclub Círculo de Lectores neu aufgelegt wurde. Man könnte meinen, dass Weiß keinen Erfolg hatte und dass sein Schicksal besiegelt war, aber das neue Jahrhundert sollte ihm mehr Glück bringen. Im Jahr 2002 veröffentlicht der Minúscula Verlag die neu entdeckte Erzählung Jarmila, una historia de amor de Bohemia [Jarmila. Eine Liebesgeschichte aus Böhmen] in der Fassung eines anderen großen spanischen Übersetzers, Feliú Formosa, mit einer Nachrede von Peter Engel, und 2003 veröffentlichte der Verlag Siruela erneut El testigo ocular [Der Augenzeuge]. Diesmal erregte der Roman die Aufmerksamkeit der Kritiker. In „El País“ sprach Cecilia Dreymüller von der "kraftvollen und plastischen Prosa" von Weiß, von der "fesselnden Handlung" des des „Augenzeugen“ und der „Konstruktion der Hauptfigur, die so komplex und glaubwürdig in ihren Widersprüchen ist". Ana María Moix schrieb über Jarmila: "Präzision, Subtilität und innere Geschlossenheit sind die Qualitäten von Jarmila, einer Erzählung, deren Handlung [...] kaum zu dem literarischen Juwel werden könnte, das sie ist, wenn sie nicht mit der Meisterschaft geschrieben worden wäre, die Weiß an den Tag legt". In „La República Cultural“ bezeichnete José Ramón Martín Largo Jarmila als "Meisterwerk".


Der Erfolg ermutigte Siruela, weiteres zu veröffentlichen, und 2005 erschien El pobre derrochador [Der arme Verschwender], wiederum in der Übersetzung von Alfonsina Janés und mit einem Vorwort von Peter Engel. Im Jahr 2019 veröffentlichte der unabhängige Verlag Hjckrrh! Franta Zlin, mit einem Vorwort und einer Übersetzung von Carlos Fortea, und im Jahr 2022 publizierte der Verlag Alpha Decay El aristócrata [Der Aristokrat] mit einem Vorwort und einer Übersetzung von Alberto Gordo, und der Verlag Cátedra veröffentlichte Franziska, in der Übersetzung von Carlos Fortea. Bei dieser Gelegenheit wurde der Text von einer Vorstudie von Carlos Fortea begleitet, die wahrscheinlich die erste originale monographische Arbeit über Weiß in Spanien ist und eine vollständige Bibliographie seiner in deutscher und spanischer Sprache veröffentlichten Werke enthält.

Die Publikationsgeschichte von Ernst Weiß in Spanien ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit ist der Band El médico de la prisión [Die Vaterlosen oder Der Gefängsnisarzt] im Druck (Ginger Ape Verlag, übersetzt von Carlos Fortea). Entlang der Linien, die sein Leben und seine Karriere geprägt haben, bahnt sich der Schriftsteller Ernst Weiß posthum langsam aber sicher den Weg zu seinem rechtmäßigen Platz in Spanien.

02.04.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

23. März 2023

Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben

Es fehlt nicht an Texten, in denen sich der Schriftsteller Ernst Weiß über seine Herkunft und sein Leben geäußert hat, er hat sich zudem wiederholt mit prononcierten Urteilen an literarischen Umfragen beteiligt, und was er von den Büchern seiner Kollegen hielt, kann man in seinen zahlreichen Rezensionen nachlesen, die im 16. Band der Werkausgabe von 1982 versammelt sind. Nicht darin enthalten ist aber eine ausführliche Darstellung über sein eigenes Schreiben, die der Autor im Jahr 1929 in einem wissenschaftlichen Werk veröffentlicht hat, das der Weiß-Forschung bisher entgangen ist. Es handelt sich dabei um das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“ von Paul Plaut, das 1929 im Stuttgarter Verlag Ferdinand Enke erschien.

Wie ist es zu dieser wichtigen Publikation, in der sich Weiß so eingehend über sein eigenes literarisches Schaffen wie an keiner anderen Stelle geäußert hat, überhaupt gekommen? Der 1894 in Berlin geborene Paul Plaut hatte ursprünglich Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und wurde nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1920 in Greifswald mit einer Arbeit über Balzac promoviert. 1922 nahm der jüdische Wissenschaftler zusätzlich das Studium der Medizin auf, erwarb 1927 auch darin den Doktorgrad und wirkte dann hauptberuflich als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus.

Plaut nahm mit anderen zusammen wegweisende kriegspsychologische Untersuchungen vor und interessierte sich zudem für die seelischen Bedingungen, unten denen insbesondere Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zu ihrer schöpferischen Arbeit befähigt sind. Er wandte sich dabei gegen den herkömmlichen Geniebegriff und sammelte vielmehr aussagekräftige empirische Daten, indem er an 400 „produktive Persönlichkeiten“ Fragebögen schickte. Zu den auf diese Weise herangezogenen „Untersuchungsobjekten“ seines dann 1929 veröffentlichten Buches, durchweg namhafte Vertreter aus den Künsten und den Wissenschaften, gehörte eben auch Ernst Weiß.

Zum weiteren Schicksal Plauts, der erst 1938 über Amsterdam nach London emigrierte, wo er 1960 starb, ist anzumerken, daß er in der Emigration erneut auch als Gerichtsgutachter – wie schon in Berlin – tätig war und als Psychiater an der Portman Clinic wirkte. Seine Arbeiten während dieser Zeit sind in Deutschland bisher nicht hinreichend rezipiert worden, wie es überhaupt wünschenswert wäre, auf diesen weitgehend vergessenen Psychologen neu hinzuweisen.

Der dreiseitige Text von Ernst Weiß in Plauts Buch, der ohne Überschrift abgedruckt wurde, ist im Inhaltsverzeichnis des Bandes merkwürdigerweise gar nicht aufgeführt, sondern wird in einer Art Anhang, mit nur ganz wenigen anderen zusammen, in ganzer Länge wiedergegeben. Die sehr aufschlußreiche Selbstäußerung soll an dieser Stelle nicht näher untersucht und in einen Zusammenhang gestellt werden, dazu wird sich eine andere Gelegenheit finden müssen. Hingewiesen sei immerhin auf die Franz Kafka gewidmete Passage, die im Einklang mit ähnlichen Deutungen zum Leben und Schaffens seines „Freundes“, wie Weiß auch hier seinen literarischen Weggefährten nennt, einer Analyse unterzogen werden soll.

Autor: Peter Engel

Download: Ernst Weiß über sein Schreiben als PDF

Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben

23.03.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

06. März 2023

Der doppelte Ernst Weiß – Korrektur eines Irrtums

Den drei Theaterstücken „Tanja“ (1920), „Olympia“ (1923) und „Leonore“ (1923) von Ernst Weiß hat Klaus-Peter Hinze in seiner dem Schriftsteller gewidmeten Bibliographie von 1977 auf Seite 50 als viertes dramatisches Werk noch die Komödie „Die kleine Heilige“ hinzugefügt. Er datiert dieses Werk ebenfalls auf das Jahr 1923 und nennt es zwar „verschollen“, fügt aber als quasi Existenzbeweis eine Besprechung des Stücks an, die in der Zeitschrift „Das literarische Echo“ auch tatsächlich veröffentlicht wurde. Es ist allerdings auch der einzige Hinweis, den er überhaupt anzugeben vermochte, während zu den Uraufführungen der anderen drei Theaterstücke von Weiß jeweils etliche Besprechungen aufgeführt sind. Allein schon dieser Umstand hätte den Literaturwissenschaftler stutzig machen und davon abhalten sollen, die Komödie überhaupt in sein Verzeichnis aufzunehmen.

Tatsächlich beruht die Nennung des Werks in der Weiß-Bibliographie auf einem Irrtum, wie ich jetzt bei der Überprüfung von Hinweisen feststellen konnte. Die verdanke ich dem Aachener Literaturwissenschaftler Gregor Ackermann, der in den „Weiß-Blättern“ kleine Teilbibliographien zum Werk des Schriftstellers veröffentlicht hat. Nun fand er heraus, daß das „Neue Wiener Journal“ am 5. April 1923 einen Beitrag mit dem Titel „Wie ich um meinen Namen kam“ (PDF) publizierte und daß einen Tag später die Tageszeitung „Die Stunde“ mit dem Artikel „Ernst Weiß und Ernst Weiß“ folgte: Beide Veröffentlichungen zusammen bringen nun endlich Licht in das Dunkel um die „Kleine Heilige“.

Der doppelte Ernst Weiß – Korrektur eines Irrtums

Was der Bibliograph Hinze nicht ahnte oder sich nicht vorstellen konnte, ist demnach jetzt Gewißheit: Im Jahr 1923 brachte ein zweiter Schriftsteller mit dem Namen Ernst Weiß ein dramatisches Werk zur Uraufführung, eben die Komödie „Die kleine Heilige“. In dem genannten Beitrag im „Neuen Wiener Journal“ bekennt sich dieser Autor als Verfasser des Stücks und verwahrt sich dagegen, daß ihm Zeitungen „täglich“ seinen Namen „vorwerfen“ wegen der Verwechslung mit dem „Berliner Schriftsteller Ernst Weiß“.

Das ist natürlich etwas gespielt naiv, denn der „zweite“ Ernst Weiß mußte ja eigentlich wissen, daß sich längst ein namensgleicher Autor in der damaligen deutschsprachigen Literaturszene etabliert hatte, seine Werke in den bedeutendsten Verlagen der Epoche herausbrachte und auch gebührende Beachtung in der Kritik und in der Leserschaft fand. Das nicht zu wissen im Jahr 1923, als von dem „Berliner“ Weiß nicht weniger als neun Werke bereits gedruckt vorlagen, ist selbst bei einem Anfänger wenig glaubhaft – er hat wohl eher auf die „Verwechslung“ spekuliert und sich davon etwas für sich selbst versprochen.

Daß es sich in Wahrheit so verhielt, wird durch das persönliche Schreiben hinreichend deutlich, das der „zweite“ Ernst Weiß an die Wiener Zeitung „Die Stunde“ richtete und das dort auch genau einen Tag nach der ersten Veröffentlichung im „Neuen Wiener Journal“ im Wortlaut publiziert wurde. In diesem Text erklärt er ausdrücklich, er habe den „Antrag auf Namensänderung“ durch den in der deutschen Hauptstadt lebenden Autor zunächst abgelehnt. Erst als die „Berliner, Prager und Wiener Blätter“ dann die „praktische, journalistische und juristische Bedeutung des Falles“ erörtert hätten, habe er sich „raschest“ zur Erledigung der Sache entschlossen, weil er seinen Namen nicht „auf diese Weise in die Öffentlichkeit gerückt zu sehen“ wünschte.


Abbildung: "Die Stunde" vom 4. Juni 2023


Ob der so rasche „Rückzug“ des Komödien-Verfassers wirklich den von ihm genannten Grund hatte oder nicht eher auf Druck einer Klageandrohung durch seinen Berliner Namensvetter erfolgte, ist zwar zu vermuten, läßt sich aber bisher nicht nachweisen. Jedenfalls gab der Jüngere schnell nach und unterzeichnete den Artikel im „Neuen Wiener Journal“ als Raoul Ernst Weissen. Das war jedoch nicht die endgültige Namensform, unter der dieser Schriftsteller auftrat, später nannte er sich Raoul Ernst Weiss, also ohne die zusätzlichen Buchstaben „en“ und mit „ss“, aber auch damit konnte er sich nicht wirklich einen Namen machen.

Es läßt sich überhaupt vergleichsweise sehr wenig über diesen Autor ermitteln, die üblichen Nachschlagewerke versagen. Verbürgt ist immerhin, daß seine Komödie „Die kleine Heilige“ tatsächlich am 1. März 1923 zur Eröffnung des Kleinen Lustspielhauses in Hamburg uraufgeführt wurde. Dieses neue Theaterhaus mit 350 Sitzplätzen war in den Großen Bleichen in der Hamburger Innenstadt eingerichtet worden, wo später das Ohnsorg Theater seine Spielstätte hatte und mit plattdeutschen Stücken für Unterhaltung der leichteren Art sorgte.

Nach der Uraufführung der „Kleinen Heiligen“ verlieren sich die Spuren des 1899 geborenen Raoul Ernst Weiss in der Alten Welt, aber in der Neuen tauchte er als „Dramaturg, Bühnenautor, Korrespondent, Schriftsteller“ wieder auf. Er war nämlich wegen der „Hitlerei“ ebenso emigriert wie der bekannte Schriftsteller Ernst Weiß, nur eben nicht nach Paris, sondern in die USA, wo er 1995 in Berkeley auch starb. Von den USA aus hatte im Jahr 1939 ein Hilferuf von Raoul Ernst Weiss den ebenfalls in Bedrängnis lebenden Robert Musil erreicht, der jedoch nicht viel für ihn tun konnte. Dem Kommentarteil der Ausgabe von Musils Briefen aus dem Jahr 1981 ist zu entnehmen, daß der „andere“ Ernst Weiß im National Union Catalogue von 1979 mit seinen Typoskripten „Intermezzo in Venedig (Drama)“ und „The Room of dreams (A comedy in three acts)“ verzeichnet ist - mehr war über diesen vergessenen Schriftsteller bisher nicht herauszufinden.

Autor: Peter Engel

06.03.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

21. Januar 2023

Neue Übersetzung von “Der Aristokrat” in Spanische

Der Verlag Alpha Decay aus Barcelona hat 2022 eine Übersetzung des Ernst Weiß Romans "Der Aristokrat" veröffentlicht. Das Buch namens  „El Aristócrata“ ist mit gebührender Wertschätzung für Ernst Weiß und einer Malerei von Max Liebermann auf dem Titelblatt ausgestattet. 

Die Übersetzung basiert auf der Ausgabe der gesammelten Werke von Ernst Weiß, Band 9, Suhrkamp 1982. Das Nachwort von Peter Engel ist in der spanischen Übersetzung auch enthalten und übersetzt worden. Der Band enthält zudem ein Vorwort von Alberto Gordo.

Neue Übersetzung von “Der Aristokrat” in Spanische

21.01.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

16. Januar 2023

Neuausgabe einer Übersetzung von Ernst Weiß – „Tartarin von Tarascon“ bei Faber & Faber

Seitdem die Werke von Ernst Weiß „gemeinfrei“ sind, also das Copyright für seine Romane und andere Schriften im Jahr 2010 abgelaufen ist, gibt es eine Schwemme von billig aufgemachten Nachdrucken mit knalligen Covern und von dubiosen Verlagen herausgebracht. Da ist es fast eine kleine Sensation, daß das für seine schön ausgestatteten Bücher bekannte Leipziger Haus Faber & Faber eine Neuedition von Alphonse Daudets Romans „Tartarin von Tarascon“ in der Übersetzung von Ernst Weiß vorgelegt hat. Die Originalübertragung war 1928 von der Deutschen Buch-Gemeinschaft in Berlin verlegt und mit Zeichnungen von Walther Klemm versehen worden, die manche als etwas altbacken und zu bieder empfinden.

Neuausgabe einer Übersetzung von Ernst Weiß – „Tartarin von Tarascon“ bei Faber & Faber

Für seine Neuausgabe des Klassikers der französischen Literatur um den spießigen Tartarin, der gleichwohl liebenswerte Züge hat, wählte Faber & Faber die Illustrationen einer 1942 in Paris bei Paul Continaud erschienenen Version des Romans, zu dem der Künstler Jacques Touchet insbesondere stimmungsreiche Aquarelle schuf. Als dieses Buch seine interessierten Leser fand, waren die französische Hauptstadt und große Teile des Landes von den Nazi-Machthabern okkupiert, und der in die Seinestadt emigrierte Schriftsteller und Übersetzer Ernst Weiß hatte schon zwei Jahre zuvor beim Einmarsch der deutschen Truppen seinem Leben ein Ende gesetzt.

Der Verleger Michael Faber hat der Neuedition des „Tartarin“ ein eigenes Nachwort angefügt, worin er die „bildnerischen Übersetzungen“, wie er die Illustrationen des Romans nennt, ausführlich Revue passieren läßt. Er trägt dafür viel einschlägiges Material zusammen, wofür man ihm Dank sagen muß, aber Fabers Urteilen über den künstlerischen Rang all dieser mit Bildern der unterschiedlichsten Art ausgestatteten Bände sollte man nicht in jedem Fall folgen. Auch ist der Text in manchen Passagen nicht sehr durchsichtig formuliert und hätte einen hauseigenen Lektor verdient gehabt, der sicher auch einige Druckfehler und Ungenauigkeiten korrigiert hätte, so etwa die falsche Schreibung des Übersetzernamens auf S. 178. Zwar findet sich immer einmal wieder die Version „Weiss“, aber der Autor zeichnete seine Briefe und andere Dokumente mit „Weiß“, was mithin die gültige Namesform ist.

In einer abschließenden Auflistung von Übersetzungen des „Tartarin“ ins Deutsche und der hierzulande erschienenen illustrierten Ausgaben, für die so bedeutende Künstler wie Emil Preetorius, George Grosz und Josef Hegenbarth gewonnen werden konnten, bringt es der Verlag fertig, die kurze Passage über die Originalausgabe der Übertragung von Ernst Weiß mit gleich vier Fehlern zu garnieren: Statt des richtigen Erscheinungsjahrs 1928 wird 1930 angegeben, dem Vorname des Illustrators Walther Klemm wird das „h“ entzogen, der Deutschen Buch-Gemeinschaft fehlt der Bindestrich – und der Nachname des Übersetzers ist erneut mit „ss“ falsch geschrieben. All diese Unebenheiten werden hoffentlich bei der zweiten Auflage ausgebügelt, die man dem wirklich schön und lesefreundlich gestalteten Buch sehr wünschen möchte.

Autor: Peter Engel

Bibliographische Angaben:

  • Alphonse Daudet: Tartarin von Tarascon. In der Übersetzung von Ernst Weiß und mit den wunderbaren Illustrationen von Jacques Touchet
  • Grafische Gestaltung: Thomas Walther, BBK; Satz und Reproduktion: Ö Grafik; Schrift: Bree, Bree Serif; Papier: CORDIER FLY OS; Druck und Bindung: CPI, Ulm; Schuber und Lesebändchen
  • Verlag Faber & Faber, Leipzig 2022, 184 S., € 36,-

16.01.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

14. Januar 2023

Der Augenzeuge: Zwei Hörbücher kurz vorgestellt

Im letzten Jahr habe ich sie bereits entdeckt und möchte sie nun endlich vorstellen, die zwei Hörbücher des Romans "Der Augenzeuge" von Ernst Weiß.

Der Augenzeuge: Zwei Hörbücher kurz vorgestellt

Die erste MP3-CD enthält eine ungekürzte Lesung von Wolfram Koch und ist im "Der Audio Verlag" (DAV) erschienen. Erstveröffentlichung war am 22. März 2019 mit einer Länge von 9 Stunden und 25 Minuten. Weitere Information mit einer Hörprobe gibt es auf der Website des Anbieters: Der Augenzeuge bei DAV.

Das zweite Audiofassung von "Der Augenzeuge" ist bereist 2015 bei Hierax Medien erschienen, hat eine Dauer von 10 Stunden und 9 Minuten und wird gelesen von Jan Koester.

Autor: Ralph Segert

14.01.2023     Rubrik: Beiträge     Direktlink

05. Dezember 2022

Das Ernst Weiß Portal auf Twitter

Ich habe vor einigen Wochen auch einen Twitter-Account für das Portal angelegt und recht gut belebt. Bitte schauen Sie selbst und folgen uns gerne: https://twitter.com/wei...

05.12.2022     Rubrik:     Direktlink

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