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17. Februar 2026
Empfehlungen von Ernst Weiß für das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“
von Peter Engel
Das Beziehungsfeld, in dem der Schriftsteller Ernst Weiß während der 20er Jahre in der deutschen Hauptstadt Berlin agierte, war vielfältig ausdifferenziert und stark darauf ausgerichtet, seine eigenen literarischen Werke bei Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen „unterzubringen“, weil er nur so seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Anders etwa als Kafka, der einen zwar ungeliebten, aber einträglichen Brotberuf als Versicherungsangestellter hatte, anders auch als jene zeitgenössischen Schriftsteller, die mehr oder minder feste „buchnahe“ Anstellungen hatten, war Weiß als freier Schriftsteller in besonderem Maße auf das angewiesen, was man heute als Vernetzung mit einflußreichen Persönlichkeiten bezeichnen würde. Aber er nahm in seinem Beziehungsfeld nicht nur Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch, er wurde auch selbst tätig und gab – wenn er dazu eine Gelegenheit hatte - Empfehlungen ab, die Personen aus seinem Umfeld nützen konnten.

Ein Beispiel dafür ist ein Brief, den Weiß an den in Berlin lebenden und wirkenden Psychologen Paul Plaut schrieb, an dessen bemerkenswerter Studie „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“ er mit einem Beitrag selbst beteiligt war. 1) In dem 1929 im Stuttgarter Verlag Ferdinand Enke erschienenen Buch, das ganz in Vergessenheit geraten ist, äußert sich Weiß so ausführlich über sein eigenes Schreiben, wie er das an keiner anderen Stelle getan hat, weshalb die Entdeckung dieses Textes von einiger Wichtigkeit für die weitere Forschung über den Schriftsteller ist. 2) Der 1894 in Berlin geborene Paul Plaut hatte ursprünglich Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und wurde nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1920 in Greifswald mit einer Arbeit über Balzac promoviert. Von 1922 an begann der jüdische Wissenschaftler zusätzlich ein Medizinstudium, erwarb 1927 auch darin den Doktorgrad und wirkte dann hauptberuflich als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus.
Plaut nahm mit anderen zusammen wegweisende kriegspsychologische Untersuchungen vor und interessierte sich zudem für die seelischen Bedingungen, unten denen insbesondere Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zu ihrer schöpferischen Arbeit befähigt sind. Er wandte sich dabei gegen den herkömmlichen Geniebegriff und sammelte vielmehr aussagekräftige empirische Daten, indem er an 400 „produktive Persönlichkeiten“ Fragebögen schickte. Zu den auf diese Weise herangezogenen „Untersuchungsobjekten“ seines dann 1929 veröffentlichten Buches, durchweg namhafte Vertreter aus den Künsten und den Wissenschaften, gehörte eben auch Ernst Weiß. Der Psychologe emigrierte erst ungewöhnlich spät im Jahr 1938 nach England und starb 1960 in London.
Der dreiseitige Text von Ernst Weiß in Plauts Buch, der ohne Überschrift abgedruckt wurde, ist im Inhaltsverzeichnis des Bandes eigenartigerweise gar nicht aufgeführt, sondern wird in einer Art Anhang, mit nur ganz wenigen anderen zusammen, in ganzer Länge wiedergegeben. Plaut hatte vermutlich die schon für seine Studie gewonnenen Beiträger aus mehreren Sparten jeweils darum gebeten, ihm weitere in Frage kommenden Personen zu benennen, die er ebenfalls für seine Studie befragen könnte. Ernst Weiß nutzte jedenfalls seinen Kontakt mit dem Psychologen dafür, ihm zwei Empfehlungen in folgendem Schreiben zu übermitteln:
Daß Ernst Weiß Rahel Sanzara, seine langjährige Geliebte, als mögliche Beiträgerin für Paul Plauts Studie empfahl, erscheint auf den ersten Blick nicht als verwunderlich, tatsächlich aber war er ihr Mitte der zwanziger Jahre zwar noch innerlich nahe, aber vermutlich nicht mehr intim verbunden. Die Sanzara hatte sich nach ihrer Bühnenkarriere als Schriftstellerin versucht und 1926 mit ihrem ersten Roman „Das verlorene Kind“ einen Sensationserfolg erzielt. Manche schrieben dieses Werk Weiß zu, der das aber immer abgestritten hat und wohl wirklich nur einen gewissen inspirierenden Anteil an dem Buch hatte. Wenn er das Werk in seiner Empfehlung an Plaut einen „außerordentlichen“ Roman nennt, so war das ein Urteil, wie er es auch in seiner eigenen Besprechung des Werks anklingen läßt. 3)
Erstaunlicher ist die zweite Empfehlung, die Weiß in seinem Schreiben an Plaut aussprach. Den Vornamen des Malers Wollheim schrieb er zwar falsch – er lautet richtig Gert und nicht Gerd -, aber der Künstler, der damals zu den herausragenden gegenständlich arbeitenden Malern gehörte, muß ihm bekannt gewesen sein, sonst hätte er sich wohl kaum für ihn eingesetzt. 4) Die von ihm benannte Galerie Wiltschek, unter deren Anschrift Viktoriastraße 2 der Künstler zu erreichen sei, dürfte Weiß selbst aufgesucht haben, möglicherweise kannte er auch den Galeristen Rudolf Wiltschek persönlich, denn der stammte wie er aus Brünn, war allerdings fünf Jahre jünger. 5) Plaut hat beide Empfehlungen von Weiß entweder nicht berücksichtigt oder die Angeschriebenen haben ihm nicht geantwortet, denn weder die Schriftstellerin noch der Maler sind unter den Persönlickeiten aufgeführt, die dem Psychologen die Sicht auf ihr jeweiliges Schöpfertum dargelegt haben.
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Hinweise
1) Den Hinweis auf den Brief - wie zuvor schon auf das Buch von Plaut - verdanke ich dem Literaturwissenschaftler Gregor Ackermann, der in den seinerzeitigen „Weiß-Blättern“ mehrere Teilbibliographien zum Schaffen von Ernst Weiß veröffentlicht hat. Das weiter unten wiedergegebene Schreiben des Schriftstellers wird in der Wiener Holocaust Library aufbewahrt und ist, zusammen mit dem übrigen Zuschriften an Plaut von bedeutender Persönlichkeiten, darunter Alfred Döblin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Ricarda Huch, Edmund Husserl, Käthe Kollwitz, Thomas Mann. Max Planck, Max Slevogt, Carl Sternheim und Ernst Toller, im Internet einsehbar unter dem Programmpunkt „Paul Plaut: correspondence“.
2) Der Text ist unter der Überschrift „Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben“ am 23. März 2023 unter der Rubrik „Neuigkeiten“ auf dem „Ernst Weiß Portal“ neu veröffentlicht worden.
3) Vgl. die Weiß-Rezension „Das verlorene Kind“, die zuerst 1926 in der Zeitschrift „Der Querschnitt“ erschien und die der Verfasser in seine Sammlung „Das Unverlierbare“ übernahm, die 1928 bei Rowohlt herauskam, jetzt ist der überschwengliche Text nachzulesen in der Zusammenstellung „Die Kunst des Erzählens“, der 1982 als 16. Band der vom Suhrkamp Verlag vorgelegten Weiß-Werkausgabe erschien, dort auf den Seiten 291 bis 296.
4) Mona Wollheim, die spätere Frau des Malers, lernte Weiß erst viele Jahre später während seines Pariser Exils kennen. Sie hat darüber in dem Bändchen „Begegnung mit Ernst Weiß, Paris 1936-1940“ berichtet, das 1970 im Münchner Kreißelmeier Verlag erschien.
5) Aus der „Opferdatenbank Holocaust“ geht hervor, daß Rudolf Wiltschek 1887 in Brünn geboren und 1942 im KZ Sobibor ermordet wurde. Seiner Galerie, in der er 1928 nachweislich Werke von Gert Wollheim zeigte, und seiner möglichen Bekanntschaft mit Weiß ist an anderer Stelle noch einmal genauer nachzugehen.
Über den Autor

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin (Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden (Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv, in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben der Weiß-Romane befinden.
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