Leben
Kindheit und Jugend
1882
28. August
Ernst Weiß wird als zweiter Sohn das jüdischen Tuchhändlers Gustav Weiß und seiner Frau Berta, geb. Weinberg, in Brünn/Mähren geboren.

Textilfabrik von Johann Heinrich Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn)
1886
24. November
Der Vater von Ernst Weiß stirbt.

Die Eltern von Ernst Weiß: Berta und Gustav Weiß
1894
bis 1902
Besuch der Gymnasien in Brünn, Leitmeritz und Arnau.
1902
11. Juni
Weiß besteht die Reifeprüfung am II. Deutschen Gymnasium in Brünn.
Prag und Wien
1902
bis 1908
Medizinstudium in Prag und Wien.
1907
bis 1930
Zwischen 1907 und 1930 schrieb Ernst Weiß 25 Briefe an Leo Perutz. Sie wurden 1985 von Hans-Harald Müller in Tel Aviv im Nachlass von Leo Perutz entdeckt. Sie sind erstmals in der "Modern Austrian Literature", Volume 21, Number 1 von 1988 veröffentlicht worden, editiert und mit einem Vorwort von Peter Engel und Hans-Harald Müller versehen.

Leo Perutz (1882 - 1957)
1908
4. Juli
Promotion in Wien zum Doktor der Medizin.
Anschliessend ärztliche Tätigkeit bei Prof. Theodor Kocher in Bern und Prof. August Bier in Berlin.
1911
Rückkehr nach Wien
Rückkehr nach Wien zur Anstellung in der chirugischen Abteilung des Wiener Spitals.
1908
4. Juli
Weiß wird am 4. Juli in Wien zum Doktor der Medizin promoviert. Anschließend ärztliche Tätigkeit an der Klinik von Prof. Theodor Kochers und Bern und bein Geheimrat Prof. August Bier in Berlin.

Chirugische Klinik Bern 1919. Bild: Sammlung Hans-Ulrich-Suter 599. Quelle: Universität Bern.
1911
Anstellung im Wiedener Spital
Rückkehr nach Wien und Anstellung in der chirugischen Abteilung des Wiedener Spitals.
1912
Martin Buber
Beginn des Briefwechsels mit Martin Buber.
1913
Reise als Schiffsarzt
Zur Ausheilung einer Lungentuberkulose tritt Weiß eine Stelle als Schiffsarzt auf der "Austria" des Österreichischen Lloyd an und reist nach Indien und Japan.
Im gleichen Jahr erscheint sein erster Roman Die Galeere, die Geschichte eines Strahlenphysikers und Röntgenologen, bei S. Fischer, Berlin.

"Die Galeere" bei Ullstein Berlin in der überarbeiteten Fassung von 1927
1913
28. Juni
Erste Begegnung mit Franz Kafka am 28. Juni.
Umzug nach Berlin.
Berlin
1914
12. Juli
Am 12. Juli ist Ernst Weiß an der Aussprache im "Ascanischen Hof" in Berlin ("Gerichtshof") beteiligt, die zur Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer führte. Anschließend reist Weiß mit seiner Freundin Rahel Sanzara und Franz Kafka über Lübeck und Travemünde ins dänische Ostseebad Marielyst, wo er die Fahnen seines zweiten Romans "Der Kampf" korrigiert.

Strand des dänischen Ostseebads Marielyst
1914
August
Ernst Weiß wird in das k.u.k Landwehrinfanterieregiment Linz einberufen und tut Dienst als Regimentsarzt in der Etappe und an der Ostfront.
1916
"Der Kampf" erscheint
Der Roman Der Kampf erscheint bei S. Fischer.

"Der Kampf", 1916 erschienen im S. Fischer Verlag Berlin
1916
– 1918
Rege Korrespondenz zwischen Ernst Weiß und Rahel Sanzara. Weiß sendet ihr über 200 Feldpostschreiben nach Berlin und München. Juliane von Zerzschwitz:
"Die Freundin versorgte den Autor von Berlin aus mit Zeitungen, Büchern und Zigaretten; sie tippte und korrigierte seine Manuskripte und führte für ihn Verhandlungen mit Verlagen. Anerkennend schrieb er 1916, sie habe einen großen Anteil an seinem Werk. Dieser beruhte nicht allein auf formalen und organisatorischen Gesichtspunkten; wie die Briefe zeigen, wurden die Themen seiner Werke, inhaltliche und stilistische Fragen besprochen. Die häufigen Bitten um ihre Beurteilung seiner Romane verdeutlichen, welchen Wert Ernst Weiß auf die Einschätzung Rahel Sanzaras legte, und daß er sich von ihr Anregungen und Ratschläge geben ließ."
Quelle: Weiß-Blätter Nr. 3 / Mai 1985

1918
Januar
Ernst Weiß erhält im Januar das Goldene Verdienstkreuz der Tapferkeitsmedaille.
1918
"Tiere in Ketten" erscheint
Der Roman Tiere in Ketten erscheint bei S. Fischer
1919
11. Oktober
Ernst Weiß erlebt im Deutschen Landestheater in Prag die Premiere seines Dramas Tanja mit Rahel Sanzara in der Titelrolle. Es wird begeistert aufgenommen. Zwei Monate später fällt das Stück, das in einer Nummer der Zeitschrift Der neue Daimon erscheint, im Wiener Deutschen Volkstheater auf unerwartete Weise durch.
1919
Roman "Franziska" erscheint
Der Roman Franziska erscheint als eine Neufassung von Der Kampf in "Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.
Der Roman Mensch gegen Mensch erscheint im gleichen Jahr im Georg Müller Verlag.
Von Oktober 1919 bis September 1920 arbeitet Ernst Weiß in Prag in der Chirugie des Allgemeinen Krankenhauses.
1920
Lyrikband "Das Versöhnungsfest"
Anfang März trägt Rahel Sanzara im Prager Mozarteum Texte von Ernst Weiß vor.
Im Georg Müller Verlag erscheint der Lyrikband Das Versöhnungsfest. Dichtungen in vier Kreisen. Bei S. Fischer erscheint das Drama Tanja als Buchausgabe.
1921
Prosaband "Stern der Dämonen" erscheint
Ernst Weiß und Rahel Sanzara verabschieden sich am 29. April mit einem Vortragsabend aus Prag. Umzug nach Berlin
Bei Georg Müller erscheint der Prosaband Stern der Dämonen.
1922
Verlagswechsel
Mit dem Roman Nahar wechselt Ernst Weiß zum Münchner Verlag Kurt Wolff, bei dem im gleichen Jahr auch die neue Fassung von Tiere in Ketten herauskommt.

Roman "Nahar" im Verlag Kurt Wolff
1923
Uraufführung der "Olympia"
Am 18. März wird die Tragikkomödie Olympia im Berliner Renaissance-Theater uraufgeführt. Alfred Kerr reagiert mit einem totalen Verriss, wogegen Herbert Ihering eine positive Besprechung veröffentlicht.
Am 30. Juni Uraufführung des Dramas Leonore an der Prager "Kleinen Bühne". Der Text des Stücks ist verschollen.
1923 erscheinen gleich vier Bücher von Ernst Weiß: Im Verlag Tillgner in Berlin die Erzählung Hodin, bei Kurt Wolff der Novellenband Atua und im Berliner Verlag Die Schmiede die Buchausgabe der Olympia und der mit Radierungen von Ludwig Meider ausgestattete Roman Die Feuerprobe
1924
"Der Fall Vukobrankovics"
Im Verlag Die Schmiede kommen die Kriminalanalyse Der Fall Vukobrankovics innerhalb der von Rudolf Leonhard herausgegebenen Reihe "Aussenseiter der Gesellschaft" und die Erzählung Daniel heraus.
1925
"Männer in der Nacht"
Der Balzac-Roman Männer in der Nacht erscheint im Berliner Propylän Verlag, im folgenden Jahr eine Ausgabe in leicht überarbeiteter Form im Berliner Ullstein Verlag.
1926
Neuauflage "Franziska"
Eine durchgesehene Fassung des Romans Franziska kommt, versehen mit einem Nachwort von Guido K. Brand, in der Deutschen Buchgemeinschaft in Berlin heraus.
1927
Neuausgabe "Die Galeere"
Neuausgabe des Romans Die Galeere im Ullstein Verlag.
1928
Essaysammlung "Das Unverlierbare"
Der Roman Boëtius von Orlamünde (eine spätere Ausgabe erschien auch unter dem Titel Der Aristokrat) erscheint bei S. Fischer. Ernst Weiß erhält für das Werk am 2. August beim Olympischen Kunstwettbewerb in der Gruppe der epischen Werke eine Silberne Medaille. 1930 wird der Roman mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet.
Bei Ernst Rowohlt erscheint die Essaysammlung Das Unverlierbare (Meiner Mutter gewidmet) und im Ullstein Verlag der Prosaband Dämonenzug.
1929
Neufassung: "Die Feuerprobe"
Eine Neufassung des Romans Die Feuerprobe kommt im Propyläen Verlag heraus
1930
Weitere Neufassungen
Neufassungen der Romane Tiere in Ketten und Nahar erscheinen im Propyläen Verlag beziehungsweise im Berliner Euphorion Verlag.
1931
Letztes Werk vor der Emigration
Als letztes Werk vor der Emigration kommt der Roman Georg Letham – Arzt und Mörder im Wiener Zsolnay Verlag heraus.
1933
Zurück nach Prag
Ernst Weiß kehrt nach dem Reichtagsbrand nach Prag und zurück und pflegt dort seine Mutter bis zu ihrem Tod.
1934
15. Januar
Tod der Mutter in Prag
Exil in Paris
1934
Umzug nach Paris
Anfang des Jahres zieht Ernst Weiß nach dem Tod der Mutter in Prag nach Paris
1934
"Der Gefängnisarzt ..."
Im Verlag Julius Kittls Nachfolger (Leipzig/Mährisch-Ostrau) erscheint der Roman Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen, der erste im Exil fertig geschriebene Roman.

Gebundene Ausgabe der Gesammelten Werke von Ernst Weiß von 1982
1935
Berlin-Aufenthalt
Im Frühjahr kehrt Ernst Weiß kurzfristig nach Berlin zurück, um sich ärztlich untersuchen zu lassen. Es wird ein Magengeschwür diagnostiziert.
1936
8. Februar
Rahel Sanzara stirbt in Berlin an Krebs.

Rahel Sanzara
1936
Der arme Verschwender
Der Stefan Zweig gewidmete Roman Der arme Verschwender erscheint im Amsterdamer Exilverlag Querido.
1938
Der Verführer
Der Thomas Mann gewidmete Roman Der Verführer erscheint im Humanitas Verlag in Zürich.
Ernst Weiß reicht den Roman Der Augenzeuge zu einem literarischen Wettbewerb der "American Guild for German Cultural Freedom" ein, die ihn bereits mit einem Stipendium unterstützt. Finanzielle Hilfe bekommt er auch von Stefan Zweig und Thomas Mann.

"Der Verführer" – gebundene Ausgabe von 1980 bei Insel, Frankfurt am Main
1939
Der Augenzeuge
Ernst Weiß arbeitet an einer neue Fassung des "Augenzeugen". Er veröffentlicht in der Exilzeitschrift "Maß und Wert" und schreibt Rezensionen für die "Pariser Tageszeitung"

Selbstzeugnis. Zuerst erschienen in der "Revue d'Allemagne" am 5. Februar 1933 auf Französisch. Abbildung: Weiß-Blätter Nr. 4 / November 1985
1940
15. Juni
Am Tag des Einmarsches deutscher Truppen in Paris unternimmt Ernst Weiß einen Suizidversuch und stirbt in der folgenden Nacht um 2 Uhr 30 im Hospital Lariboisière
Posthum
1963
Der Augenzeuge
Der Roman Der Augenzeuge erscheint posthum im Münchener Verlag Kreißelmeier und muss auf Intervention des Hanser Verlags in Ich, der Augenzeuge unbenannt werden.
1982
Gesammelte Werke
Zum hundersten Geburtstag von Ernst Weiß erscheinen seine Gesammelten Werke in 16 Bänden im Frankfurter Suhrkamp Verlag.

Beiheft der Gesammelten Werke von 1982
Rahel Sanzara und Ernst Weiß
1894
9. Februar
Therese Charlotte Johanna Bleschke (nannte sich später Rahel Sanzara) wird als das älteste von vier Kindern eines Stadtmusikers in Jena geboren.
1926
"Das verlorene Kind"
Rahel Sanzaras Erstlingsroman Das verlorene Kind erscheint als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung und 1926 als Buch. Der Roman erregte Aufsehen wegen des heiklen Themas eines Sexualmordes an einer Vierjährigen und weil Rahel Sanzara zeitweise unter Plagiatsvorwurf stand, in dem behauptet wurde, ihr damaliger Freund Ernst Weiß habe den Roman geschrieben. Der Roman wurde in elf Sprachen übersetzt. 1926 sollte ihr dafür der Kleist-Preis verliehen werden. Sie aber lehnte ihn ab.

Gebundene Ausgabe im Suhrkamp Verlag von 1987