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17. Januar 2026
„Albert Ehrenstein und die Musik“ - Eine bisher unbeachtete Handschrift von Ernst Weiß
von Cornelia Heering

Es sind nicht viele eigenhändige Werke von Ernst Weiß erhalten geblieben, die meisten seiner auf uns gekommenen Texte sind diktiere Typoskripte oder gedruckte Publikationen. Umso bemerkenswerter ist ein bisher unbekannter Fundus aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, zu dem neben 81 handschriftlichen Briefen an Rahel Sanzara ein Manuskript über die 1916 im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienene Lyriksammlung „Der Mensch schreit: Entwandlung“ von Albert Ehrenstein gehört. Der Titel dieser handschriftlichen Rezension lautet „Albert Ehrenstein und die Musik“, ob sie veröffentlicht wurde, ist bisher noch nicht ermittelt worden.
Gleich im ersten Satz seiner Besprechung führt Weiß einen ungewöhnlichen Vergleich ein: „Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als begleitender, wirklich führender Musik.“ Als einen solchen Oratoriendichter beschreibt Weiß den Lyriker Ehrenstein.
Es gibt nicht allzu viele Aussagen von Ernst Weiß zum Thema Krieg. Seine eigenen Erfahrungen hat er in seinem literarischen Werk verarbeitet, am intensivsten in seiner Erzählung „Franta Zlin“. Eindeutiger hat sich dagegen Ehrenstein als Kriegsgegner geäußert, und dass Ernst Weiß sich ihm in dieser Rezension an die Seite stellt, ist bemerkenswert an dem Text. Der Besprecher geht auch darauf ein, dass Ehrenstein in seiner Lyriksammlung ein Gedicht seinem Freund Georg Trakl widmet, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. In seiner Interpretation dieses Textes spricht Weiß davon, dass „atemlose Erhebung über die Bedrückung“ die Wirkung des Gedichtes sei. Die Besprechung des Lyrikbandes schließt mit dem Urteil, dass sie „Musik der Musik“ sei, die über den Tod hinausführt. Und dann heißt es weiter:
"Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den
Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie
gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als
begleitender, wirklich führender Musik. Die Grundfigur dieser Art ist
Lord Byron: Manfred, Kain, die orientalischen Gesänge, ja selbst Childe
Harold und Don Juan sind opernmäßig, freilich opernmässig in einer Höhe,
die der Komponist der Durchschnittszeit kaum erreicht.
Die Musik, die ich meine, ist nicht gemeint als musikalischer
Wohlklang: Wohlklang ist ja doch nicht der Musik eigentümlichstes
Merkmal, sonst wäre die Glocke ein musikalisches Instrument, und die
Geige ein Kinderschreck. Musik ist das Mitschwingen einer sonst den
Lebenden unerreichbaren Dimension durch die Kunst. Und diese Art Musik,
die weit über unseren Häuptern weht, die höre ich, und hören bald viele,
hoffe ich, aus den Werken Ehrensteins heraus."
Ernst Weiß, der später sehr viele Rezensionen als Auftragsarbeiten schrieb, zeigt sich in der bisher unbekannten frühen Ehrenstein-Würdigung auch als profunder Musikkenner. Er spielte nach dem Zeugnis seiner Freunde selbst ausgezeichnet Klavier und bemühte sich auch während seiner Stationierung als Regimentsarzt in der österreichischen Armee um ein Instrument, auf dem er Stücke auswendig spielte. Der Fund der Handschrift „Albert Ehrenstein und die Musik“ ist erst nach dem Erwerb mehrerer Briefe aus dem Bestand eines privaten Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv möglich geworden. Der komplette Text wird demnächst in einer größeren Publikation zugänglich gemacht.
Foto: Albert Ehrenstein, 1910er Jahre, Quelle: Wikipedia
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