Rubrik: Beiträge

07. Juni 2026

Ernst Weiß im „Zwiegespräch“ mit Herbert Ihering im Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig

Zu einem neuen Fund im Herbert-Ihering-Archiv der Berliner Akademie der Künste

von Cornelia Heering

Am 17.9.1929 eröffnet die MiRAG (Mitteldeutschen Rundfunkanstalt Leipzig) eine neue Sendereihe „Zwiegespräch“. Die Teilnehmer der ersten Ausstrahlung sind der Theaterkritiker Herbert Ihering und der Autor Ernst Weiß. Ernst Weiß präsentiert im selben Jahr in der Sendung „Autorenstunde“ am 8. November in einer Lesung Auszüge aus seinen Werken.

Ernst Weiß im „Zwiegespräch“ mit Herbert Ihering im Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig

In der Tagespresse erschienen mehrere Kommentare zu der Sendung „Zwiegespräch“. Sie sind jetzt im Briefnachlass des Kritikers, im Herbert-Ihering-Archiv der Berliner Akademie der Künste, gefunden worden. Die ausführlichste Rezension der Sendung stellen wir hier zur Verfügung.

„Kritiker und Dichter: Herbert Ihering und Ernst Weiß vor dem Mikrophon“- unter diesem Titel erschien am 20.9.1929 die erste Kritik der neuen Sendereihe:

Es erscheint mir als eine außerordentlich begrüßenswerte Tatsache, daß die meisten Sendeleitungen an Stelle von einseitigen Vorträgen über wichtige Gegenwartsthemen entsprechende Dialoge von Partner zu Partner zu bevorzugen beginnen, und daß auch die Mirag für die Folgezeit eine Reihe derartiger Zwiegespräche angekündigt hat, die am Dienstag abend mit einer Diskussion zwischen Kritiker und Dichter eröffnet wurde. Der Kritiker war Herbert Ihering; einer der prominentesten Vertreter seines Faches, Antipode Alfred Kerrs, Entdecker Bert Brechts, Verfechter eines epischen Zeitdramas und Vorkämpfer für eine radikale Reformierung der ‚vereinsamten Theaterkritik‘. – Der Dichter war Ernst Weiß: einer der Ernsthaftesten unter den heute Schreibenden.“

Aufgezählt werden sodann die Titel, die Ernst Weiß bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht hat: „Nahar“, „Tiere in Ketten“, „Mensch gegen Mensch“, der Essayband „Das Unverlierbare“, „Boetius von Orlamünde“, „Die Feuerprobe“.

„Alles andere als ein Fehler war es“, heißt es weiter, „daß man einem anerkannten Theaterkritiker nicht einen Dramatiker gegenüberstellte, sondern den Schöpfer isolierter Romangestalten, weil sich so viel mehr Möglichkeiten zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung über die Kritik im allgemeinen ergaben, die auf beiden Seiten mit großer Entschiedenheit geführt wurde und wirklich grundlegende Fragen der literarischen Beurteilung berührte. Den Folgerungen, daß der Kritiker ebenso den Autor wie das Publikum zu erziehen habe und daß ein Ausbau der Buchkritik, eine taktische Politik in kritischen Dingen und nicht nur eine Niederknüppelung alles unbequemen Neuen angestrebt werden müsse, konnte man einschränkungslos zustimmen und nicht weniger der Forderung, in der sich beide einig waren: daß allein eine verantwortungsvolle und produktive Kritik befürwortet werden dürfe.
Ernst Weiß sprach mit überlegener Gemessenheit, ehrlich und sympathisch; Herbert Ihering mit leidenschaftlicher Zielbewusstheit, temperamentvoll und sachlich. Man hatte unbedingt den Eindruck: hier stehen sich zwei Persönlichkeiten gegenüber; hier geht es nicht um Privates, hier geht es um Prinzipielles und Allgemeines! - Im ganzen jedenfalls eine anregende Veranstaltung, die sich hören lassen konnte.
Walter Steinbach

Der 1924 gegründete Sender verfügte zusammen mit einigen wenigen Rundfunkanstalten ab ca. 1929 dank der sogenannten „Plattenschneider“ über ein technisch ausgereiftes, wenn auch aufwendiges Equipment, das es erlaubte, die ausgestrahlten Rundfunksendungen auf Wachsplatten von etwa drei bis vier Minuten Länge zeitgleich mitzuschneiden und zu konservieren, zu archivieren und für eine neuerliche Ausstrahlung bereitzuhalten.

Dass Ernst Weiß technischen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen war und eine moderne Kamera und ein Grammophon besaß, ist aus seinem Briefwechsel mit Rahel Sanzara bekannt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er selbst auch die Gelegenheit zu einem Medienauftritt nutzte.

Das gesendete „Zwiegespräch“ ist leider nicht mehr aufzufinden. Es ist jedoch aufschlussreich, wie die beiden Kontrahenten hier eingeführt werden: Herbert Ihering als Kritiker, nicht als Theaterpoetologe, und Ernst Weiß ausschließlich als Romanautor, unterschlagen werden seine drei zuvor auch auf dem Theater aufgeführten Dramen „Tanja“, „Leonore“ und „Olympia“. Dass eine Beziehung zwischen beiden Disputanten seit langen Jahren bestand und dass Herbert Ihering gerade die Weiß-Dramen „Tanja“ und „Olympia“ aus den Jahren 1923 und 1924 kritisiert hatte, wird ebenfalls nicht genannt.

Insgesamt erschienen zehn Artikel, sowohl Ankündigungen als auch, sog. „Rundfunkkritiken“, zu dieser Rundfunkpremiere:

  • in der Leipziger Volkszeitung (24. September 1929 und 1. Okt.1929)
  • in der Neuen Leipziger Zeitung (19. Sept.1929)
  • in den Leipziger Neuesten Nachrichten (20. Sept. 1929)
  • in der Dresdner Volkszeitung (21. Sept, 1929)
  • zwei von der Zeitungsagentur Adolf Schustermann gesammelte Artikel und Meldungen, deren Herkunft nicht mit ausgeschnitten wurde.

Als „Ankündigung neuer Projekte“ wird auf die geplanten Ausstrahlungen verwiesen

  • in der Neuen Leipziger Zeitung vom 4. August 1929
  • in der Thüringer Allgemeine Zeitung, Erfurt vom 4. September 1929

Walter Steinbach, der Verfasser der ausführlichsten zitierten Rezension der Sendung „Zwiegespräche“, Jahrgang 1902, war selbst als Schriftsteller und Herausgeber literarischer Textsammlungen tätig. Er hatte in Leipzig Abitur gemacht, positionierte sich im Ersten Weltkrieg als Kriegsgegner und entwickelte sich nach dem Scheitern der Novemberrevolution zum Anarchisten und Anhänger von Ernst Toller und Erich Mühsam. Er arbeitete an SPD-nahen Zeitschriften wie den Leipziger Zeitschriften Kulturwille. Monatsblatt für Kultur der Arbeiterschaft und Proletarische Heimstunden (Verlagsanstalt für proletarische Freidenker) mit.

1925 veröffentlichte er im Leipziger Roter Türmer Verlag „proletarische Gedichte“ unter dem Titel Die roten Strassen, wozu Max Schwimmer Illustrationen schuf. Steinbach schrieb Gedichte, die vom Moritatenstil Frank Wedekinds und des jungen Bertolt Brecht beeinflusst waren, einige Erzählungen und Texte für Sprechchöre u. ä. Er nahm zunehmend soziale Themen auf, so im Text für Sprechchor Die Arbeitslosen(1928), in der Ballade von der Austreibung der Heidebauern (1930) oder im Song vom täglichen Brot (1931).

Steinbach kam um 1928 selbst auch im Leipziger Rundfunk zu Wort, wo er im Zusammenhang mit der Edition von Jack Londons Werken im Universitas Verlag von London als „Vagabund von Gottes Gnaden“ sprach. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Er starb nach seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft unter unbekannten Umständen in Berlin.

Im Hamburger Fremdenblatt wurde am 7. November 1929 eine Lesung von Ernst Weiß im Rundfunk angekündigt.

Über die Autorin

Cornelia Heering

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil

07.06.2026     Rubrik: Beiträge

↑ ↑