20. Februar 2026
Ein Vorbild für die Figur der Franziska? Zum Fund eines bisher unbekannten Weiß-Briefes
von Cornelia Heering

Sie muss ihm schon früher und erst recht nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans in den Sinn gekommen sein: Die Schauspielerin Leopoldine Konstantin. Im Jahr 1916 war Ernst Weiß an verschiedenen Standorten der österreichischen Armee als Regimentsarzt „auf Abruf“ stationiert. Die Wartezeit vor seiner Verlegung an andere Frontabschnitte verbrachte er mit dem Schreiben von Briefen an Rahel Sanzara, mit dem Entwurf neuer Texte, mit der Überarbeitung seines Romans „Tiere in Ketten“ und mit den Vorbereitungen von Vertragsverhandlungen mit Verlagen. Und während dieser Zeit erscheint sein zweiter Roman „Der Kampf“. Franz Kafka erwähnt in seinen Tagebüchern am 28. Juli 1914, dass er und der Autor an diesem Text arbeiten. Er schreibt: „Wir sitzen zum Beispiel und korrigieren den ‚Kampf‘.“
Es ist demnach eine beziehungsreiche Handschrift, die jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach gefunden worden ist: Ein bisher unbekannter Brief von Ernst Weiß an die Schauspielerin Leopoldine Konstantin vom 23. Juni 1916. Der Autor schreibt an die Darstellerin, die er von seinen Brünner Jugendtagen her kennt und die eine Freundin seiner Schwester Alice war, und kündigt der inzwischen berühmt gewordenen Konstantin eine Botin an: Rahel Sanzara, die damals noch das Pseudonym Sansara trug, werde der Schauspielerin das Buch „Der Kampf“ überbringen. Dieser Roman ist die zweite eigenständige Publikation des Schriftstellers nach seinem Erstling „Die Galeere“ und gerade erst erschienen. Weiß appelliert an die Briefempfängerin im Hinblick auf sein Buchgeschenk: „Bitte lesen Sie es, vielleicht finden Sie einige Ihrer Züge in der „Franziska“ wieder. Ich glaube, mir schwebte beim Schreiben manchmal das Bild der 16 bis 18 jährigen Poldi Konstantin vor.“ Der Brief ist somit einer der seltenen Hinweise darauf, dass Ernst Weiß eine Jugenderinnerung mit der Protagonistin des Romans verband.
Der zweite besondere Punkt besteht darin, dass Ernst Weiß darauf hinweist, wer die Überbringerin des Buches ist: Seine Freundin Rahel Sansara. Er empfiehlt sie als begabte Künstlerin und bittet „Poldi“, wie er die Adressatin anspricht, ihr „irgendwie zu raten“:
„Ich war vor einiger Zeit in Freiburg bei der Alice, wir sprachen jedesmal von Ihnen, und erinnern uns gemeinsam verlebter jugendschöner Tage; vielleicht finden Sie etwas von diesem uns ersehnten, nie erreichten tausendjährigen Reich der Jugend in meinem Roman! Fräulein Rahel Sansara, die Ihnen das Buch bringen wird, meine frühere Sekretärin, Freundin von Alice, die sie freilich noch als Sekretärin kennt, und nicht als die hochbegabte Tänzerin, die sie im Grunde ist, also Fräulein Sansara hat Sie unlängst im Film bewundert, wo Sie mit einer Katze gespielt haben.
Vielleicht können gerade Sie, die es bei Ihrer künstlerischen Carriere so schwer gehabt hat (mir geht es freilich auch nicht besser), vielleicht können Sie Fräulein Sansara irgendwie raten. Tun Sie das bitte!“
Ernst Weiß appelliert an die Schauspielerin, die als Künstlerin trotz aller Widerstände an ihrem Ziel, eine erfolgreiche Bühnenkarriere zu erreichen, festgehalten hatte, und verweist auch auf seine eigene Situation als Künstler – „mir geht es freilich auch nicht besser“ – schreibt er.
Der Brief gibt Hinweise auf die Fähigkeit des Autors, Persönliches und Fiktionales sehr bewusst zu verknüpfen, aber nicht zu vermischen, und er zeigt, dass Ernst Weiß nicht nur um Kontakte und den Aufbau eines Netzwerks für sich selbst, sondern auch für seine Partnerin und seine Freunde bemüht war.
Leopoldine Konstantin war zum Zeitpunkt der Niederschrift des Briefes wahrscheinlich noch in Berlin, wo Rahel Sansara sie aufgesucht haben wird, bevor die Schauspielerin Berlin wegen eines Konfliktes mit Max Reinhard, der in dem Brief ebenfalls erwähnt wird und mit dem die Schauspielerin auf den „Reinhardt-Bühnen“ bis 1912 zusammengearbeitet hatte, verließ. Das Schreiben ist datiert, aber nicht mit der Adresse der Empfängerin versehen. Leopoldine Konstantin stammte wie Ernst Weiß aus Brünn, wo sie 1886 geboren war, also vier Jahre nach dem Schriftsteller. Ihre Karriere führte sie weiter nach Wien, nach London und 1938 in die USA., wo sie ihren größten Erfolg in der Verfilmung eines Nazi-Stoffes durch Alfred Hitchcock feierte: „Notorious“ („Berüchtigt“) im Jahr 1945. Die Schauspielerin, die in „Berüchtigt“ die Mutter eines in eine Nazi-Intrige verwickelten deutschen Spions, gespielt von Claude Rains, spielte, war zum Zeitpunkt ihrer Darstellung in der Rolle 59 Jahre alt. Die Hauptrollen spielten Cary Grant und Ingrid Bergman. Bemerkenswert ist die Rolle, mit der die Schauspielerin sich nicht besonders identifizierte, dadurch, dass sie der Anfang einer leitmotivischen Struktur in den Filmen Hitchcocks darstellte. Eine vergleichbar „spezielle“ Mutter-Sohn-Besetzung, in der der Altersunterschied zwischen Mutter und Sohn unrealistisch ist, verwendete Hitchcock später in seinem Film „Der unsichtbare Dritte“ mit der „Mutter“ Jessie Royce Landis, die nur gut sieben Jahre älter als ihr „Sohn“ Cary Grant war.

Der Brief von Weiß aus dem Juni 1916 enthält ein ganzes Beziehungsgeflecht an Informationen. Als Anlass wird das Erscheinen des Romans „Der Kampf“ genannt und die Nähe der Protagonistin zu der bekannten, aber auch in Bühnenkonflikte verwickelten Schauspielerin. Rahel Sansara, für die sich Ernst Weiß in dem Brief einsetzt, hat zu diesem Zeitpunkt ihre Ausbildung als Schauspielerin bei Rita Sacchetti in Berlin begonnen. Ernst Weiß bringt in dem Brief außerdem seine Schwester Alice ins Spiel, die im Kriegsspital Leipnik in Mähren stationiert ist. Das bedeutsame Schreiben ist möglicherweise aus dem Archiv des S. Fischer Verlags, das im Deutschen Literaturarchiv verwahrt wird, in den „Teilnachlass Ernst Weiß“ geraten
Foto: Leopoldine Konstantin, Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-2008-0128-500
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
20.02.2026 Rubrik:
