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01. April 2026
„Zwei große Machtergreifungsromane“ – Der „Augenzeuge“ von Ernst Weiß im Vergleich mit Hermann Brochs „Verzauberung“
Zu Helmuth Kiesels Einordnung des Autors Ernst Weiß in seiner Literaturgeschichte „Schreiben in finsteren Zeiten“. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 – 1945, München 2025
Von Cornelia Heering
Angenommen, zwei Autoren verabredeten sich zu einer Schreibidee: Mit „kassandrischer Vorhersagekraft“ zwei „große Machtergreifungsromane“ zu komponieren, diese zu Lebzeiten zurückzuhalten und ihre Manuskripte unter dramatischen Umständen vor der Vernichtung retten zu lassen, damit sie posthum veröffentlicht werden und ca. 70 Jahre später in einer der renommier-testen Literaturgeschichten dargestellt und bewertet zu finden sind – so ließe sich das perfekte Muster für ein Nachlassmanagement mit „Autorenintention“ unter besonderen Schreibbedingungen, nämlich dem „Schreiben in finsteren Zeiten“, vorstellen. In der unter dem gleichnamigen Titel erschienenen „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933-1945“ von Helmuth Kiesel, die gleichzeitig den Band XI der Literaturgeschichte „Deutsche Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart“ darstellt, kann dieser Eindruck über die beiden Autoren Ernst Weiß und Hermann Broch entstehen.

Kiesel vergleicht die beiden Romane Der Augenzeuge und Die Verzauberung als besondere Texte der als „Epoche“ begriffenen Phase der Machtergreifung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Im Gegensatz zu der Tradition, eine literarische Epoche mit den Instrumenten literaturwissenschaftlicher Terminologie wie „Gattungsbegriff“, „stilistische Innovation“, „Formanalyse“ einzugrenzen und ihr Texte und Autorengruppen zuzuordnen, wird hier ein realgeschichtlicher und politischer Rahmen gewählt, um die Literaturen, die innerhalb dieses Zeitraumes entstehen, als kritisch-oppositionell oder affirmativ-konform zu bewerten.
Kiesel nimmt einen Vergleich der beiden „großen Machtergreifungsromane“ Der Augenzeuge von Ernst Weiß und Die Verzauberung von Hermann Broch vor und geht dabei der Frage nach, inwieweit die beiden Werke Ausnahmeerscheinungen in der literarischen Verarbeitung der Vorzeichen der Naziherrschaft darstellen. Die Texte selbst und die Biographien ihrer Verfasser geben, so der Autor, Anlass dafür, auf ihre Entstehungsbedingungen und die dann durchkomponierten Schreibhaltungen einzugehen.
Der Roman Der Augenzeuge war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung 23 Jahre nach dem Tod seines Autors eine literarische Sensation. Die Erzählhaltung spielt in der Form der Ich-Erzählung mit einer „produktiven“ Irritation der Lesererwartung, der auch der Autor der Literaturgeschichte nicht entgeht. Die Romanhandlung ist der „pseudobiografische“ Bericht eines Arztes, der einen Patienten von einer Kriegsneurose heilt und erlebt, wie dessen Heilung in Wahnvorstellungen über die Fähigkeit zur Weltherrschaft mündet. Der Patient wird mit den Initialen „A. H.“ bezeichnet. Und der Roman suggeriert bis ins Detail die Vorgehensweise der Machtergreifung und des faschistischen Staates von Adolf Hitler. Allerdings bleibt der Text durchgängig eine Fiktion, ein Roman, auch wenn im Text realhistorische Bezüge hergestellt werden. Überraschend erscheint daher die Ableitung Kiesels, der Text von Weiß habe das „wohl eindrucksvollste Porträt des Agitators Hitler“ (S. 330) beschrieben, und es gehe den beiden Autoren mit ihrem Werk darum, ein „tieferes Verständnis der Hintergründe und Ermöglichungsbedingungen der NS-Herrschaft zu eröffnen“. (S. 327)
Der Roman Die Verzauberung von Hermann Broch verortet die Handlung einer kollektiven Verführung einer Dorfgemeinschaft zu Verbrechen durch ihren manipulativen Anführer in eine Mikrostruktur der „idealtypisch gestalteten Welt eines Gebirgsdorfes“ (S. 351) in Österreich. Kiesel stellt dabei einen Bezug zur biographischen Situation des Autors her.
„Während Ernst Weiß eine politikgeschichtlich verankerte und sozialpsychologisch plausibilisierte Darstellung der Machtergreifung […] geben wollte, ging es Broch darum, die Ermöglichung und Methodik nicht nur der nationalsozialistischen, sondern einer faschistischen Ermächtigung überhaupt in modellhafter Form vor Augen zu führen. Dafür […] verlegte er seinen Aufenthaltsort im September 1935 von Wien in das Tiroler Dorf Mösern“ (S. 331), um einen realen Ort als Vorlage für die Handlung seines Romans zu nehmen.
Die beiden Romane einander gegenüberzustellen, ist sehr begründet. Sie haben eine verblüffende Übereinstimmung darin, dass die Inszenierung ihres „plots“ durch ihre Namensübereinstimmung mit realen Handlungen, Personen und Orten identifizierbar erscheint. Daraus leitet der Autor der Literaturgeschichte allerdings die Annahme ab, die von den Figuren und der Erzählerhaltung vermittelten Einstellungen als Ausdruck der Haltung, ja sogar als ein Plädoyer ihrer Autoren zu verstehen. Er unterschlägt dabei vollständig den literaturwissenschaftlichen Konsens, Romane als literarische „Zeichen“, als „mehrdeutige Texte“ mithin aufzufassen.
Zweifellos zeichnen beide Texte sich durch die Hellsichtigkeit der in der Fiktion vorgetragenen Analysen aus. Die darstellerische und imaginative Kraft, mit den Mitteln der Fiktion eine historische Ausnahmesituation zu beleuchten, die in dem „Zwischenraum“ einer Vorkriegszeit „spielt“, macht die literarische Qualität der Texte aus. Die Vermischung von Identitätsentwicklung in Abgrenzung zur Gruppe, die Markierung des „kollektiven falschen Bewusstseins“, wird in zwei ganz unterschiedlichen Erzählmodellen beschrieben. Und ihre Schreibidee ist jeweils in den Rahmen der Fiktion eingebettet.
Beide Romane sind fiktionale Texte, die in den Jahren 1936 bzw. 1938, in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, geschrieben wurden und die beide posthum erschienen sind, ohne von den Autoren in geplanten Varianten „als Ausgaben letzter Hand“ überarbeitet worden zu sein. Die Gattungsbezeichnung „Roman“ für beide Texte lässt eine Verwechslung mit der Textsorte „Autobiographie“ nicht zu. Eine Verwechslung der Textsorten unterläuft Kiesel jedoch in seiner Zusammenfassung:
„Die wichtigste Erfahrung [des Protagonisten, Anm. der Verfasserin] ist aber die Begegnung mit einem Mann, der immer nur mit den Initialen ‚A. H.‘ bezeichnet wird: Adolf Hitler.“ (S. 328) Weiter erklärt Kiesel: „Der Arzt des Romans [Der Augenzeuge] ist, anders als Weiß, nicht jüdischer Abstammung, und sowohl seine Begegnung mit Hitler als auch seine bösen Erfahrungen im Dritten Reich – einschließlich der Tortur im Konzentrationslager – haben in Weiß‘ Leben keine Entsprechung. Weiß […] war viel weniger Augenzeuge, als der Roman suggeriert, was aber dessen diagnostischen Wert nicht schmälert.“ (S. 327)
Ernst Weiß im Kontext der literaturgeschichtlichen Einordnung den richtigen Stellenwert zuzuweisen, wäre die längst überfällige Gelegenheit gewesen. Diesen Versuch der Einordnung mit einem exemplarischen Roman aus der Exilzeit zu unternehmen, wäre ebenfalls genau der treffsichere Zugriff. Angesichts dieser Chance hätte sich die Möglichkeit ergeben, klarere Kenntnisse über den Autor und sein Gesamtwerk zu vermitteln – diese Chance wurde leider verpasst.
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
01.04.2026 Rubrik: Beiträge
