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25. April 2026
Vor 100 Jahren ein Riesenerfolg - Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“ in neuer Ausgabe
von Peter Engel

Als 1926 im Ullstein Verlag von einer bis dahin völlig unbekannten Autorin ein Roman erschien, in dem es um den Lustmord an einem vierjährigen Mädchen ging, war das von den Zeitungen geschürte Interesse an diesem Buch enorm, in kurzer Zeit stellte sich einer der größten Bucherfolge in der Zeit der Weimarer Republik ein. Der harmlose Titel „Das verlorene Kind“ wollte zu dem gewaltsamen Inhalt nicht recht passen, von der Verfasserin namens Rahel Sanzara wußten einige informierte Zeitgenossen nur, daß sie in der Ära des Expressionismus als Schauspielerin hervorgetreten war, einige brachten sie mit dem Schriftsteller Ernst Weiß in Verbindung, und bald kam auch das Gerücht auf, in Wahrheit habe er den Roman geschrieben. Alles Stoff genug für die Presse, aus der Sache eine Sensation zu machen.
Tatsächlich fand das Werk vor 100 Jahren größere Resonanz, als sie seinem angeblicher Verfasser jemals mit einem seiner vielen Romane beschieden war, und es gab auch schnell Stimmen bedeutender Schriftsteller wie Gottfried Benn, die sich überzeugt zeigten, daß niemand anders als Rahel Sanzara die alleinige Autorin des Werkes war. Ernst Weiß selbst, der lange mit ihr befreundet und mehr als das gewesen war, wies die ihm zugeschriebene Verfasserschaft von sich und erklärte, er habe lediglich mitgeholfen, Rahel Sanzara in eine geeignete Schreibstimmung zu bringen. Damit waren die Rätsel um das Werk zwar nicht restlos gelöst, aber es wurde doch merklich aus der Sphäre des Sensationellen herausgerückt, während die erzählerischen Qualitäten des Romans seine weitere Rezeption dominierten.
Was damals das Lesepublikum besonders irritierte, war der als verwunderlich empfundene Umstand, daß eine Frau ein angeblich so „männliches“ und abgründiges Werk hatte schaffen können, dazu eine Frau, die - nach den Fotos zu urteilen - besonders zart und schön, eben ausgesprochen weiblich aussah. Dieser scheinbare Gegensatz vertiefte das Interesse an dem Roman noch mehr, so daß in vergleichsweise kurzer Folge mehrere Auflagen erschienen und Übersetzungen des „Verlorenen Kindes“ in mehreren Sprachen folgten. Wie sich auch bald herausstellte, hatte die Verfasserin für ihr Werk gar keinen aktuellen Stoff gewählt, sondern einen historisch verbürgten Kriminalfall aus einer alten Sammlung, die schon Vorlage für andere Bücher gewesen war. Es ging in dem Roman also gar nicht um den „abartigen“ Inhalt, sondern um die erzählerische Gestaltung eines „unerhörten Geschehens“, um Schuld und Sühne in fast Dostojewskischer Dimension, um tiefe Trauer und die „Bewältigung“ dessen, was die Seele kaum zu fassen vermag. Das alles in einer Intensität der Darstellung und in sprachlicher Meisterschaft, der sich kaum ein Leser zu entziehen vermochte.

Rahel Sanzara konnte den großen Erfolg ihres Debütwerks nicht richtig nutzen, ihr nächstes Buch mit dem Titel „Die glückliche Hand“ wurde zwar vom Ullstein Verlag angenommen und erschien auch als Vorabdruck in einer Berliner Zeitung, aber dann kamen Anfang 1933 die Nazis an die Macht und die Schriftstellerin geriet wegen ihres jüdisch erscheinenden Pseudonyms – tatsächlich hieß sie bürgerlich Johanna Bleschke – in die Verfolgungsaktionen der neuen braunen Machthaber. Mit großer Mühe brachte die Autorin ihr zweites Erzählwerk noch in einem Schweizer Verlag heraus, aber es blieb fast unbeachtet. Das mußte die Verfasserin allerdings nicht selbst miterleben, denn da war Rahel Sanzara am 8. Februar 1936 nach langem Aufenthalt in einer Berliner Klinik schon an Krebs gestorben, einen Tag vor ihrem 42. Geburtstag,.
Nach der Nazi-Zeit geriet der Roman „Das verlorene Kind“ völlig in Vergessenheit, der dramatische Epochenbruch hatte auch dieses Werk wie so viele andere einfach hinweggeschwemmt. Als der Suhrkamp Verlag das verschollene Buch 1983 in seiner Taschenbuchreihe neu herausbrachte, wurde daraus eine regelrechte Wiederentdeckung der verschollenen Verfasserin. Zwei Jahre später folgte der Roman „Die glückliche Hand“, und inzwischen sind die beiden Werke Rahel Sanzaras in etlichen Nachdrucken greifbar, es wird über ihr Leben und Schaffen geforscht – und ganz neu ist die Mitteilung, daß der Göttinger Wallstein Verlag im Herbst eine kommentierte Edition des Erstlingsbuchs herausbringt. Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Nicola Behrmann, Assistenzprofessorin an der Rutgers University in New Jersey, hat zu dieser Neuausgabe des Romans „Das verlorene Kind“ einen umfangreichen Apparat mit den wichtigsten Besprechungen und Würdigungen erarbeitet, darunter von so illustre Autoren wie Vicki Baum, Gottfried Benn, Hermann Hesse, Ossip Mandelstam, Vita Sackville-West, Ernst Weiß und Carl Zuckmayer. In einem ausführlichen Nachwort geht die Herausgeberin den Angaben zufolge auf die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Romans ein. Die Neuausgabe mit einem Umfang von mehr als 400 Seiten soll im September lieferbar sein, teilt der Wallstein Verlag mit.
Über den Autor

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin
(Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg
und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als
Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller
und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter
Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den
siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er
zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden
(Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv,
in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben
der Weiß-Romane befinden.
25.04.2026 Rubrik: Beiträge
