Rubrik: Interview
21. April 2026
“Dem verlorenen und wiedergefundenen Kinde”
Interview mit Cornelia Heering

Wir freuen uns, die Literaturwissenschaftlerin Cornelia Hering für ein Gespräch über ihre Forschung zu Ernst Weiß gewonnen zu haben. Sie schildert, wie sie über ein Seminar zur Literatur der Zwischenkriegszeit erstmals auf Weiß aufmerksam wurde und sich von dort aus systematisch in sein Werk vertieft hat. Zugleich gibt sie Einblick in die biografische Forschung: die fragmentarische Quellenlage, verschollene Texte und neu erschlossene Dokumente, die das Bild dieses Autors nur mosaikartig entstehen lassen. Als leitendes Motiv tritt dabei die Frage hervor, wie sich – in ihren Worten – „die Person mit ihrem Werk als einen konstitutiven Zusammenhang“ verstehen lässt, der „eine Aussage zur Deutung der Wirklichkeit vermitteln kann“ – eine Perspektive, die auch die besondere Sensibilität von Weiß für Kindheit, Gewalt und soziale Prägung verständlich macht.
Ralph Segert: Wie haben Sie Ernst Weiß und sein Werk entdeckt?
Cornellia Heering: Ernst Blochs „Fall ins Jetzt“, ein Text aus den „Spuren“, 1930 veröffentlicht, war der Ausgangspunkt eines Hauptseminars an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in meiner Studienzeit, in dem die Literatur der Zwanziger Jahre als eine Reihe untersucht wurde, die sich durch die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (E. Bloch) auszeichnete.
Es war die Erzählung „Franta Zlin“ von Ernst Weiß, der mir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal begegnete und den Auslöser dafür darstellte, mich mit weiteren Texten des Autors zu beschäftigen. Die weitere Beschäftigung mit den Romanen von Ernst Weiß führte dazu, meine Dissertation über Ernst Weiß und Rahel Sanzara zu schreiben.
R. S.: Welche Romane von Ernst Weiß haben Sie besonders beeindruckt – und warum?
C. H.: Bei meinen Recherchen entdeckte ich die Programmatik des Verlags „Die Schmiede“, die mit der Reihe „Außenseiter der Gesellschaft“ ein neues Konzept vorstellte: nicht nur literarische Texte verschiedener Autoren in eine Reihe zu stellen, sondern eine Konzeption für ein Lesepublikum zu verfolgen, die den Übergang von Dokumentation zu Fiktion gestaltete. Damit schloss sich der Verlag einer Tradition an, die bereits Schiller mit dem Rekurs auf den Pitaval inspiriert hatte. Ich beschäftigte mich deshalb mit einer neuen fiktionalen Textsorte, die auf Gerichtsreportagen, somit auf „mündlichen, gehörten, authentischen“ Verfahren beruhte und die Darstellung realer Verbrechen von Massenmördern und Mörderinnen, deren Analyse einen besonderen neuen Schwerpunkt in der Kriminologie und im juristischen Diskurs der Weimarer Republik darstellte, zum Thema machte. Ernst Weiß veröffentlichte in dieser Reihe 1924 den semidokumentarischen Text „Der Fall Vukobrancovics“. Auch der Roman „Die Feuerprobe“, ein fiktiver Kriminalfall, der den Erinnerungsverlust des Protagonisten, der sich eines Mordes bezichtigt, zum Thema hat, ist im Verlag „Die Schmiede“ 1923 erschienen. Noch interessanter für die Analysen und für die biographischen Kontext-Fragen erschien mir aber der Roman „Männer in der Nacht“. Dieser Roman, 1925 im Propyläen-Verlag erschienen, thematisiert den „Fall“ des fiktiven Autors Honoré de Balzac, der seinen des Mordes angeklagten Freund Peytel erfolgreich verteidigt. Die überraschende Wendung des Romans besteht darin, dass der Freispruch ein Justizirrtum ist, der Täter gesteht in einem letzten dramatischen Gespräch in der Gefängniszelle seinem Verteidiger, den Mord tatsächlich begangen zu haben.
Die überraschende Wendung des Romans: Der Freispruch ist ein Justizirrtum.
Die Suche nach einem Punkt, an dem die Wahrheit unhintergehbar ist und alle Täuschungsversuche, auch die Selbsttäuschung, aufgegeben werden, ist der bezeichnende Ausgangspunkt dieses Romans.
R. S.: Was gab den Anstoß, eine Biografie über Ernst Weiß zu schreiben?
C. H.: Den Anstoß, eine Biographie zu schreiben, gab die immer noch bestehende Leerstelle. In den in den 1980er Jahren erschienenen Weiß-Blättern wurden regelmäßig Fragmente für eine Biographie, Einzelaspekte, manchmal als „Nebenschauplatz“ anderer Forschungen aufgedeckt, Hinweise und Detailinformationen, der Briefwechsel liegt in Teilnachlässen Ernst Weiß‘ im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, es gibt Sammlungen privater Experten. Ernst Weiß hat seine Texte ja immer nur für eine begrenzte Auflagenhöhe an die Verlage gegeben, um die Freiheit eines Verlegerwechsels zu haben. Das ist für uns heute ein Vorteil und ein Nachteil zugleich bei der Recherche, weil er dafür die Texte immer wieder überarbeitet hat. Deshalb ist es ein besonderes Gefühl, die Erstauflagen einsehen zu können, quasi die „Ausgaben erster Hand“.
R. S.: Welche Schwierigkeiten ergeben sich aus der Quellenlage? Und was haben Sie bei Ihrer Recherche neu entdecken können?
C. H.: Trotz aller Energie, die in der Recherche aufgewendet werden kann, ist der Befund der Quellen nicht lückenlos. Es wird immer wieder auf verschollene Manuskripte hingewiesen, deren Spur man nicht so leicht aufnehmen kann. So ist ein Dramentext „Leonore“ bis heute nicht auffindbar, Ernst Weiß hat den Kritiker Herbert Ihering mehrfach um die Rücksendung seines letzten Exemplars gebeten. Es ist jedoch belegt, dass das Stück, das dritte Theaterstück, das Ernst Weiß verfasste, aufgeführt wurde und eine Rezension erhalten hat. Oder der Text „Der Überfall“, in den Briefen an Rahel Sanzara wiederholt erwähnt, den er mit Kafka diskutiert hat, ist nicht mehr greifbar. Aber es finden sich doch manchmal überraschend neue Details für das Mosaik, das es zusammenzusetzen gilt, wie die jüngst aufgefundene Rezension der Lyriksammlung von Albert Ehrenstein aus dem Jahr 1916 oder der viel erwähnte Brief an die Schauspielerin Leonore Konstantin, ebenfalls aus dem Kriegsjahr 1916, der jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach liegt.
Bei der Konzeption und dem Schreiben einer Biographie kommt es jedoch nicht so sehr darauf an, in einem positivistischen Verfahren lückenlos alle Lebensphasen und Entscheidungen einer Person zu beschreiben. Es geht eher darum, eine Leitthese zu entwickeln, eine Möglichkeit, die Person mit ihrem Werk als einen konstitutiven Zusammenhang zu deuten, der in einer Zeit eine Wirkung erzeugen konnte und Nachwirkungen bis heute produziert, weil dieser Zusammenhang ein Konzept und eine Aussage zur Deutung der Wirklichkeit vermitteln kann. Das ist mein Ansatz.
R. S.: Konnten Sie auch die zahlreichen Feldpostkarten an seine Freundin Johanna Bleschke (Rahel Sanzara) auswerten?
C. H.: Ja, die Briefe und Feldpostkarten aus den Jahren 1916 bis 1918 sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach einsehbar und natürlich ein sehr wichtigstes Quellenkonvolut, denn sie stellen eine sehr eigenwillige Dokumentation dar. Zum einen sind sie persönliche „Lebenszeichen“ in einer bedrohten Situation, adressiert an einen bestimmten Leser. Da beide Briefpartner in großer Angst und Sorge um den anderen bangten und dennoch versuchten, ihre jeweilige Lage nicht zu dramatisieren, sind die Briefe auch sehr persönliche Zeugnisse. Daneben enthalten sie wichtige Berichte über zwei sehr ungleiche Frontlinien im Ersten Weltkrieg, denn sie liefern den unmittelbaren Eindruck der Situation in Berlin oder in Städten wie Prag, Budapest und Pilsen. Sie sind drittens eine Quelle zum Verständnis des strategischen Agierens von Ernst Weiß, mit dem er seinen Wechsel vom Chirurgen zum freien Autor inszenierte. Die Entwicklung einiger Werke und die Verwandlung von Texten im Laufe der Korrespondenz ist sehr transparent nachzuvollziehen. Und für Rahel Sanzara sind die Briefe ebenfalls Ausgangspunkt für ihre künstlerische Karriere als Tänzerin und Schauspielerin und später als Autorin mit einem eigenen literarischen Anspruch. Dennoch ist es ist überwiegend nur „eine Stimme“, die man hier wahrnimmt, die von Ernst Weiß an Rahel Sanzara, und zwar aus einer bestimmten Phase ihrer Beziehung.
Sie sind drittens eine Quelle zum Verständnis des strategischen Agierens von Ernst Weiß, mit dem er seinen Wechsel vom Chirurgen zum freien Autor inszenierte.
Darüber hinaus sind sie eine Sammlung von Linien, die den Kontext und das Netzwerk markieren, in dessen Umfeld Ernst Weiß schrieb. Es wird in den Briefen sehr deutlich, dass er eine Figur in einem Beziehungssystem unterschiedlicher Interessen ist, in einer Konstellation, die bestimmte Publikationsmöglichkeiten ausprobierte und dadurch natürlich auch das Verlagswesen und die Zeitungs-, Zeitschriften- und Medienpolitik mit beeinflusste.
R. S.: Wenn man sich so intensiv mit einem Autor beschäftigt, entstehen unweigerlich innere Bilder. Wie würden Sie Ernst Weiß ganz subjektiv, in Form einer kurzen Vita, beschreiben?
C. H.: Ich sehe vor allem das Bild des Autors in allen Dokumenten und Quellen. Dabei schiebt sich mein „Bild“ von dem Autor und der Person der Biographie immer wieder neben- und übereinander, wenn ich lese und Zusammenfassungen verfasse, und es ist gewiss noch nicht vollständig, das kann es auch nicht sein. Ich habe kein konkretes Bild von ihm als Kind, von seiner Beziehung zu seinen Geschwistern, von ihm als Schüler oder Student, von ihm als Musiker oder Klavierspieler, der er ja auch war. Ernst Weiß sucht Kommunikation und Bündnisse, aber er entweicht bei „falschen“ Versprechungen. Seine Briefe an Verleger und Rezensenten, an Auftraggeber und auch an Freunde zeigen ihn als vollkommen höflich, vorsichtig, aber zielsicher fordernd. Auf jeden Fall ist er anspruchsvoll in Bezug auf Beziehungen und dauerhafte Kontakte, und er versucht von seiner Seite, immer fair, nie vorwurfsvoll mit dem anderen umzugehen. Und er hatte ein wahnsinnig gutes Gedächtnis, er verliert nie den Faden oder greift auch nach Jahren alte Fäden wieder auf. Aber er war auch verletzlich. Das wird z. B. aus der Korrespondenz des Direktors des Zsolnay-Verlags in Wien deutlich. Bezeichnend ist auch, dass er sich immer sehr um „Räume“ und ihre Gestaltung bemüht hat, aber er ist auch kompromissbereit, darüber, wo er gerade lebt und schreibt, hat er häufig berichtet. In einem Brief über ein Grammophon, das er nach seinem Exil nach Paris in Berlin zurückgelassen hat und das unauffindbar zu sein scheint, schreibt er vorsichtig, dass erst zu prüfen wäre, ob es überhaupt noch existiert und noch funktionierte, bevor er dafür Geld verlangen könnte, wenn er es anderen überlässt. Die Orte, die er verlassen hat, bleiben in seiner Erinnerung noch lange präsent und als Bild intakt. Er vergisst nichts.
R. S.: Sie schrieben mir, dass Sie demnächst einen ersten Teil der Biografie veröffentlichen werden. Worauf darf sich der Ernst-Weiß-Leser freuen?
C. H.: Es ist mir ein besonderes Thema aufgefallen, das mit der öffentlichen Resonanz zu tun hat, mit dem Theater, aber auch mit den Medien Kino und dem zu seinen Lebzeiten noch neuen Medium Rundfunk. Ich möchte einen Aspekt der Biographie beleuchten, der Ernst Weiß in die Kontexte des „Kampfes um das neue Theater“ stellt. Er begriff sich als ein sehr moderner Schriftsteller, der experimentieren konnte und verwandeln. Der Lebensgeschichten und „Figuren“ entwarf und sie zur Darstellung in einem Werk konfigurierte.
Nach den Krankenberichten als Arzt begann er, andere „Berichte“ zu formulieren und präzise zu „erfinden“, was schon als „Befund“ „da“ ist, das wird deutlich werden. Es zeugt von einer ungeheuren Schreibenergie.
R. S.: Im Werk von Ernst Weiß ist mir wiederholt aufgefallen, mit welcher Präzision und Eindringlichkeit er das Verhalten von Kindern und Jugendlichen beschreibt – sowohl in ihren Handlungen als auch in ihren emotionalen Regungen.
Zum ersten Mal ist mir dies in „Die Feuerprobe“ begegnet, in jener Passage, die Weiß selbst als „Fahndungsprotokoll eines Daseins" und als "Detektivgeschichte einer Seele“ bezeichnete. Die beinahe traumhafte, stellenweise auch albtraumhafte Schilderung eines auf der Straße aufgegriffenen Kindes wird dort mit einer auffallenden Empathie und Feinfühligkeit gestaltet.
In der Folge zeigt sich diese Sensibilität auch in den späten Prosawerken wie "Der Augenzeuge", "Der arme Verschwender" und "Der Verführer", die allesamt Kindheits- und Jugendgeschichten entfalten und das Hineinwachsen in soziale und psychische Spannungsfelder schildern. Auch hier beeindruckt die Genauigkeit und Empathie, mit der Weiß kindliche Wahrnehmungs- und Erfahrungsräume erschließt – eine Qualität, die mir in dieser Form innerhalb der literarischen Moderne in dieser Zeit zwischen Kaiserreich und Exil bis jetzt eher selten begegnet ist.
Vor diesem Hintergrund würde mich Ihre Perspektive interessieren: Wie ordnen Sie diese spezifische Darstellungsweise von Kindheit und Jugend im Werk von Ernst Weiß ein? Und inwiefern lässt sich diese Sensibilität und Figurenperspektive – wie Sie einmal angedeutet haben – auch mit seinen weniger beachteten Dramen und Rahel Sanzara in Beziehung setzen?
C. H.: Er ist nicht der erste und der einzige Autor, der sich der besonderen Rolle des Kindes widmet. Bereits Heinrich von Kleist hatte mit seiner Erzählung „Der Findling“ (1811) einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Verrohung und psychischer Entwicklung aufgegriffen. Zugleich stellt sich damit auch ein altes Thema der Aufklärung und der Romantik wieder ein:
- Wie ist ein „Naturzustand“ des Menschen zu verstehen vor einer zivilisatorischen „Formung“?
- Wie geht ein Prozess der Verrohung vor sich, der durch Krieg, durch Gewalt und durch Hunger und Missachtung des Bedürfnisses nach Geborgenheit, Schutz und Liebe ausgelöst wird?
- Welche Verantwortung haben Erwachsene beim Prozess der Entwicklung und Erziehung in ihrem Verhältnis zu Kindern?
Ernst Weiß beginnt sein neues Reihenthema im Jahr 1920 mit dem Drama „Tanja“. Hier steht eine Form des Missbrauchs am Anfang. Expliziter setzt sich das Thema fort in der Erzählung „Stern der Dämonen“ im Jahr 1920. Es wird wieder verwendet in dem Roman „Die Feuerprobe“ aus dem Jahr 1923: Es ist somit ein Leitmotiv.

Beispiel I: „Die Feuerprobe“
In dem Roman „Die Feuerprobe“ stellt sich der Erzähler gleich im zweiten Kapitel vor, dass er ein auf der Straße aufgelesenes „verlorenes Kind“, über das er in einer „Tagesnotiz“ gelesen hat, in ein Waisenhaus bringt, wo es gut versorgt werden soll, und am Ende des Romans fasst er Mut bei dem Entschluss, viele Kinder, die nicht seine eigenen sind, zu retten und selbst „wie ein Vater“ aufzuziehen.
„Gestern ist ein etwa dreijähriges Kind, das ohne Begleitung umherirrte, auf der Straße aufgegriffen worden.“
Dieser Satz steht am Anfang des Romans „Die Feuerprobe“ aus dem Jahr 1923. (Ernst Weiß: Die Feuerprobe. Frankfurt am Main 1982. S. 26)
„Das Stimmchen ist merkwürdig tief für das Alter, dabei aber voll und weich. Je länger und lebhafter das Kind spricht und lacht, desto unverständlicher wird den drei Menschen der Sinn der Worte. Es ist weder englisch noch französisch, eher ein wenig bekannter deutscher Dialekt. Voll von Anklängen vertrauter Art und ohne ein einziges erkennbares Wort.“ (S. 20)
„Am längsten hat der Polizist ausgeharrt, aber auch der hat das verlorene Kind dem Manne überlassen.“ (S. 21)
Beispiel II: „Tanja“

Auszug aus „Tanja“, Dramentext von Ernst Weiß 1920
Ernst Weiß entwickelt in seinen Dramen und in einigen Erzählungen ein bestimmtes Bild vom Kind und von Kindheit. Die Kinder werden hier als „Objekte“, als Opfer der Handlungen der Erwachsenen, in gewisser Weise in eine „Dingwelt“ hineingestellt, weggesperrt oder verjagt. Das Missverhältnis zwischen dieser Verobjektivierung und dem Bewusstsein des „Subjekts“, das die Antizipation des tragischen Endes versinnbildlicht und vom Erzähler oder einer Partei ergreifenden Figur erkannt wird, ist in vielen Texten der „Treiber“ der Handlung oder der retardierende Punkt der Entwicklung, der zum Stillstand in der ganzen Bewegung beiträgt. Das Kind „Ilja“ ist z. B. in dem Drama „Tanja“ gleichzeitig allwissender Antipode seiner ihrem Schicksal unentrinnbar ausgelieferten Eltern. Es wäre interessant, herauszufinden, wie diese Rolle in den zeitgenössischen Theateraufführungen besetzt wurde. In den Rezensionen ist dazu kein Kommentar klar erkennbar.
In seinen späteren Werken entwickelt er die biographischen Muster ausgeprägter in der Adoleszenz. Dagegen wird im Drama „Tanja“ aus dem Jahr 1920 zu Beginn als ein wichtiger Handlungsträger der dramatischen Entwicklung das Kind Ilja eingeführt, das von seiner Mutter in einem Holzverschlag eingesperrt gehalten wird, wie ein „Tier“, das das Mitleid jeden Besuchers erregt, weil es sichtbar am Verhungern ist, und bei dem die Mutter Tanja verhindert, dass das Kind gerettet wird. Dieser Text ist symptomatisch und zugleich besonders, weil dem Kind hier selbst erstmals eine eigene (lyrische) Stimme verliehen wird: Es spricht als handelnde Figur, im Unterschied zu dem Kind in dem Roman „Die Feuerprobe“ verständlich.
Beispiel III: „Stern der Dämonen“
In der Prosaerzählung „Stern der Dämonen“ wird gleich von drei Kindern erzählt: von einem „Wunschkind“ der Mutter, von einem begehrten Kind des Vaters, und von einem dritten, das – wie in dem Drama „Tanja“ – aus einer Vergewaltigung hervorgegangen ist, und das anders als in dem Dramentext dennoch von der Mutter akzeptiert wird und als Erlöserfigur in einer tragischen Familiengeschichte eine neue Rolle bekommt:
„Das Neugeborene war ein schöner Knabe. Slawa nährte ihn aus ihrer Fülle. Mit diesem Kinde auf dem Arm ging sie zur Hochzeit. […] Es war Segen und Sommer über Cyrill und über den anderen Kindern dieser Mutter.“
Ernst Weiß hat mit seinen Erzählungen, Romanen und Dramen Reihen entwickelt. Die Themen werden immer wieder in neuen Konstellationen aufgegriffen, und so ist die Erzählung „Stern der Dämonen“, veröffentlicht 1920, erwähnt jedoch bereits in seinen frühen Briefen, der Gegentext zu der Figurenkonstellation des Dramas „Tanja“.
Ernst Weiß greift hiermit auf ein Thema zurück, das Georg Büchner in seinem Drama „Woyzeck“ anspricht: Auch dort ist es ein Kind, das am Ausgang des Dramas die Kommentierung des „falschen Lebens“ darstellt.
Damit nimmt er teil an einer Mischung aus fachwissenschaftlichem, zwischen medizinischem „Befund“ und psychoanalytischer Forschung liegenden Diskurs, der nicht nur in Deutschland, sondern auch im benachbarten Frankreich in den Mittelpunkt sozialer und medizinisch-struktureller Fragen gestellt wurde.
In seiner Analyse „Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ aus dem Jahr 1925 eröffnet der französische Philosoph Maurice Halbwachs sein Hauptwerk mit einer Anekdote über den Fund eines Waisenkindes in den Wäldern bei Châlons, das der französischen Sprache nicht mächtig ist und nicht erklären kann, wie es dorthin, wo es gefunden wurde, gekommen ist. Erst als ihm Bilder gezeigt werden, beginnt es, eine Geschichte zu erzählen, und die Zuhörer glauben, dass es seine Herkunft beschreibt. Nichts davon muss stimmen, jedoch ist der Moment, in dem das Kind seine eigene Stimme erhebt, der Anfang eines möglichen neuen Heimkommens und seines Gerettetseins.
"...ein Mensch, der blutige Überfälle, Betrügereien, Brandstiftungen, Morde gewohnt ist und solche zu protokollieren weiß, aber nicht die Erlebnisse und Erleidnisse eines unschuldigen Kindes?"
Es gibt hier Parallelen, die verwendete Signatur der Kindheit und der Rolle der Sprache für die Erinnerung oder den Verlust der Erinnerung. Ob Ernst Weiß diesen Text zur Kenntnis genommen hat oder ihn später, nach der Veröffentlichung seiner Erzählung, gelesen hat, ist wohl nicht mehr ermittelbar. Aber die Beschreibung des Perspektivwechsels aus der Beobachterrolle in die der Identifikation, die Ernst Weiß bei der Beschreibung in dem Roman „Die Feuerprobe“ vornimmt, lässt auf eine ähnliche Auffassung vom „Bild des Kindes“ schließen, wie sie Maurice Halbwachs analysiert.
„Wer schreibt dies? Ist es vielleicht der Protokollführer eines Kriminalgerichts, ein Mensch, der blutige Überfälle, Betrügereien, Brandstiftungen, Morde gewohnt ist und solche zu protokollieren weiß, aber nicht die Erlebnisse und Erleidnisse eines unschuldigen Kindes? Oder ist es ein Menschenfreund, am Vormundschaftsgerichte ehrenamtlich tätig, ein älterer, kränklicher Mann, selbst ehelos und kinderlos und doch der leidenschaftlichste und gütigste Freund der Kinder? Oder ist es ein Offizier der Heilsarmee, männlich oder weiblich, einer von denen, die aus dem unterschiedslosen Helfen einen militärisch organisierten Dienst gemacht haben? Oder ist es der Finder dieses Kindes in eigener Person? Sei es, wer es sei. Niemand sollte so herzensroh sein, daß er ein dreijähriges Kind mit rauhen Händen aufgriffe. […] Ich sehe dieses Kind vor mir, wenn ich die Augen schließe. […] Auffinden? Gut. Es ist gut, gefunden zu werden. Aufgreifen? Vielleicht ist doch dieses energische Aufgreifen noch besser, so roh es klingt, das Richtige. Denn das Kind will fliehen. Es hat zwar jetzt um seinen kleinen, sehr gelösten Mund einen Ausdruck von großem Ernst, aber in Wirklichkeit ist es nicht sehr besonnen und klug, denn es will fliehen, als wäre es nicht ohnehin von aller Welt verlassen. Man muß es greifen, man muß es richtig fassen, um seiner sicher zu sein, mit einem energischen Griff, den es spürt. Nun beginnt es zu weinen. Darauf will man nicht achten. Man will das Kind vor allem beruhigen. Man bindet ihm daher die Schuhbändchen zusammen, die sich beim Laufen aufgelöst haben. Dabei preßt einer der Helfer das kleine, dreieckige Gesichtchen des Kindes mit dem winzigen Näschen und dem etwas betonteren Kinn an sich. […] Die Flucht ist zu Ende. Man muß das Kind mit einem klaren und ganz selbstverständlichen Lächeln sicher machen, damit es sagen kann, wer es ist, wo es wohnt.“ (Ernst Weiß: Die Feuerprobe. S. 17)
Drei Variationen, in denen Ernst Weiß neue Wege beschreitet und Kindheit und Drama gleichzeitig für den zeitgenössischen Diskurs in einzelnen kleinen Szenen aufbereitet.
In der Rahel Sanzara-Collection des Leo Baeck-Instituts New York, wo einige Briefe und Notizen aus dem Nachlass von Rahel Sanzara aufbewahrt werden, findet sich ein Zettel, an Rahel Sanzara anlässlich der Veröffentlichung ihres Romans 1926 gerichtet, der notiert:

Das Dokument befindet sich im Nachlass der Briefe und Karten von Walter Davidsohn, dem Ehemann Rahel Sanzaras, jetzt im Center for Jewish history, Leo Baeck Institute New York, Rahel Sanzara Collection. (Kasten 1: Undatierte Notizen, Postkarten und Telegramme, um die 1920er Jahre. Signatur: Ordner 1, AR 25057).
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
21.04.2026 Rubrik: Interview Direktlink
01. April 2026
„Zwei große Machtergreifungsromane“ – Der „Augenzeuge“ von Ernst Weiß im Vergleich mit Hermann Brochs „Verzauberung“
Zu Helmuth Kiesels Einordnung des Autors Ernst Weiß in seiner Literaturgeschichte „Schreiben in finsteren Zeiten“. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 – 1945, München 2025
von Cornelia Heering
Angenommen, zwei Autoren verabredeten sich zu einer Schreibidee: Mit „kassandrischer Vorhersagekraft“ zwei „große Machtergreifungsromane“ zu komponieren, diese zu Lebzeiten zurückzuhalten und ihre Manuskripte unter dramatischen Umständen vor der Vernichtung retten zu lassen, damit sie posthum veröffentlicht werden und ca. 70 Jahre später in einer der renommier-testen Literaturgeschichten dargestellt und bewertet zu finden sind – so ließe sich das perfekte Muster für ein Nachlassmanagement mit „Autorenintention“ unter besonderen Schreibbedingungen, nämlich dem „Schreiben in finsteren Zeiten“, vorstellen. In der unter dem gleichnamigen Titel erschienenen „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933-1945“ von Helmuth Kiesel, die gleichzeitig den Band XI der Literaturgeschichte „Deutsche Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart“ darstellt, kann dieser Eindruck über die beiden Autoren Ernst Weiß und Hermann Broch entstehen.

Kiesel vergleicht die beiden Romane Der Augenzeuge und Die Verzauberung als besondere Texte der als „Epoche“ begriffenen Phase der Machtergreifung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Im Gegensatz zu der Tradition, eine literarische Epoche mit den Instrumenten literaturwissenschaftlicher Terminologie wie „Gattungsbegriff“, „stilistische Innovation“, „Formanalyse“ einzugrenzen und ihr Texte und Autorengruppen zuzuordnen, wird hier ein realgeschichtlicher und politischer Rahmen gewählt, um die Literaturen, die innerhalb dieses Zeitraumes entstehen, als kritisch-oppositionell oder affirmativ-konform zu bewerten.
Kiesel nimmt einen Vergleich der beiden „großen Machtergreifungsromane“ Der Augenzeuge von Ernst Weiß und Die Verzauberung von Hermann Broch vor und geht dabei der Frage nach, inwieweit die beiden Werke Ausnahmeerscheinungen in der literarischen Verarbeitung der Vorzeichen der Naziherrschaft darstellen. Die Texte selbst und die Biographien ihrer Verfasser geben, so der Autor, Anlass dafür, auf ihre Entstehungsbedingungen und die dann durchkomponierten Schreibhaltungen einzugehen.
Der Roman Der Augenzeuge war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung 23 Jahre nach dem Tod seines Autors eine literarische Sensation. Die Erzählhaltung spielt in der Form der Ich-Erzählung mit einer „produktiven“ Irritation der Lesererwartung, der auch der Autor der Literaturgeschichte nicht entgeht. Die Romanhandlung ist der „pseudobiografische“ Bericht eines Arztes, der einen Patienten von einer Kriegsneurose heilt und erlebt, wie dessen Heilung in Wahnvorstellungen über die Fähigkeit zur Weltherrschaft mündet. Der Patient wird mit den Initialen „A. H.“ bezeichnet. Und der Roman suggeriert bis ins Detail die Vorgehensweise der Machtergreifung und des faschistischen Staates von Adolf Hitler. Allerdings bleibt der Text durchgängig eine Fiktion, ein Roman, auch wenn im Text realhistorische Bezüge hergestellt werden. Überraschend erscheint daher die Ableitung Kiesels, der Text von Weiß habe das „wohl eindrucksvollste Porträt des Agitators Hitler“ (S. 330) beschrieben, und es gehe den beiden Autoren mit ihrem Werk darum, ein „tieferes Verständnis der Hintergründe und Ermöglichungsbedingungen der NS-Herrschaft zu eröffnen“. (S. 327)
Der Roman Die Verzauberung von Hermann Broch verortet die Handlung einer kollektiven Verführung einer Dorfgemeinschaft zu Verbrechen durch ihren manipulativen Anführer in eine Mikrostruktur der „idealtypisch gestalteten Welt eines Gebirgsdorfes“ (S. 351) in Österreich. Kiesel stellt dabei einen Bezug zur biographischen Situation des Autors her.
„Während Ernst Weiß eine politikgeschichtlich verankerte und sozialpsychologisch plausibilisierte Darstellung der Machtergreifung […] geben wollte, ging es Broch darum, die Ermöglichung und Methodik nicht nur der nationalsozialistischen, sondern einer faschistischen Ermächtigung überhaupt in modellhafter Form vor Augen zu führen. Dafür […] verlegte er seinen Aufenthaltsort im September 1935 von Wien in das Tiroler Dorf Mösern“ (S. 331), um einen realen Ort als Vorlage für die Handlung seines Romans zu nehmen.
Die beiden Romane einander gegenüberzustellen, ist sehr begründet. Sie haben eine verblüffende Übereinstimmung darin, dass die Inszenierung ihres „plots“ durch ihre Namensübereinstimmung mit realen Handlungen, Personen und Orten identifizierbar erscheint. Daraus leitet der Autor der Literaturgeschichte allerdings die Annahme ab, die von den Figuren und der Erzählerhaltung vermittelten Einstellungen als Ausdruck der Haltung, ja sogar als ein Plädoyer ihrer Autoren zu verstehen. Er unterschlägt dabei vollständig den literaturwissenschaftlichen Konsens, Romane als literarische „Zeichen“, als „mehrdeutige Texte“ mithin aufzufassen.
Zweifellos zeichnen beide Texte sich durch die Hellsichtigkeit der in der Fiktion vorgetragenen Analysen aus. Die darstellerische und imaginative Kraft, mit den Mitteln der Fiktion eine historische Ausnahmesituation zu beleuchten, die in dem „Zwischenraum“ einer Vorkriegszeit „spielt“, macht die literarische Qualität der Texte aus. Die Vermischung von Identitätsentwicklung in Abgrenzung zur Gruppe, die Markierung des „kollektiven falschen Bewusstseins“, wird in zwei ganz unterschiedlichen Erzählmodellen beschrieben. Und ihre Schreibidee ist jeweils in den Rahmen der Fiktion eingebettet.
Beide Romane sind fiktionale Texte, die in den Jahren 1936 bzw. 1938, in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, geschrieben wurden und die beide posthum erschienen sind, ohne von den Autoren in geplanten Varianten „als Ausgaben letzter Hand“ überarbeitet worden zu sein. Die Gattungsbezeichnung „Roman“ für beide Texte lässt eine Verwechslung mit der Textsorte „Autobiographie“ nicht zu. Eine Verwechslung der Textsorten unterläuft Kiesel jedoch in seiner Zusammenfassung:
„Die wichtigste Erfahrung [des Protagonisten, Anm. der Verfasserin] ist aber die Begegnung mit einem Mann, der immer nur mit den Initialen ‚A. H.‘ bezeichnet wird: Adolf Hitler.“ (S. 328) Weiter erklärt Kiesel: „Der Arzt des Romans [Der Augenzeuge] ist, anders als Weiß, nicht jüdischer Abstammung, und sowohl seine Begegnung mit Hitler als auch seine bösen Erfahrungen im Dritten Reich – einschließlich der Tortur im Konzentrationslager – haben in Weiß‘ Leben keine Entsprechung. Weiß […] war viel weniger Augenzeuge, als der Roman suggeriert, was aber dessen diagnostischen Wert nicht schmälert.“ (S. 327)
Ernst Weiß im Kontext der literaturgeschichtlichen Einordnung den richtigen Stellenwert zuzuweisen, wäre die längst überfällige Gelegenheit gewesen. Diesen Versuch der Einordnung mit einem exemplarischen Roman aus der Exilzeit zu unternehmen, wäre ebenfalls genau der treffsichere Zugriff. Angesichts dieser Chance hätte sich die Möglichkeit ergeben, klarere Kenntnisse über den Autor und sein Gesamtwerk zu vermitteln – diese Chance wurde leider verpasst.
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
01.04.2026 Rubrik: Beiträge Direktlink
20. Februar 2026
Ein Vorbild für die Figur der Franziska? Zum Fund eines bisher unbekannten Weiß-Briefes
von Cornelia Heering

Sie muss ihm schon früher und erst recht nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans in den Sinn gekommen sein: Die Schauspielerin Leopoldine Konstantin. Im Jahr 1916 war Ernst Weiß an verschiedenen Standorten der österreichischen Armee als Regimentsarzt „auf Abruf“ stationiert. Die Wartezeit vor seiner Verlegung an andere Frontabschnitte verbrachte er mit dem Schreiben von Briefen an Rahel Sanzara, mit dem Entwurf neuer Texte, mit der Überarbeitung seines Romans „Tiere in Ketten“ und mit den Vorbereitungen von Vertragsverhandlungen mit Verlagen. Und während dieser Zeit erscheint sein zweiter Roman „Der Kampf“. Franz Kafka erwähnt in seinen Tagebüchern am 28. Juli 1914, dass er und der Autor an diesem Text arbeiten. Er schreibt: „Wir sitzen zum Beispiel und korrigieren den ‚Kampf‘.“
Es ist demnach eine beziehungsreiche Handschrift, die jetzt im Deutschen Literaturarchiv Marbach gefunden worden ist: Ein bisher unbekannter Brief von Ernst Weiß an die Schauspielerin Leopoldine Konstantin vom 23. Juni 1916. Der Autor schreibt an die Darstellerin, die er von seinen Brünner Jugendtagen her kennt und die eine Freundin seiner Schwester Alice war, und kündigt der inzwischen berühmt gewordenen Konstantin eine Botin an: Rahel Sanzara, die damals noch das Pseudonym Sansara trug, werde der Schauspielerin das Buch „Der Kampf“ überbringen. Dieser Roman ist die zweite eigenständige Publikation des Schriftstellers nach seinem Erstling „Die Galeere“ und gerade erst erschienen. Weiß appelliert an die Briefempfängerin im Hinblick auf sein Buchgeschenk: „Bitte lesen Sie es, vielleicht finden Sie einige Ihrer Züge in der „Franziska“ wieder. Ich glaube, mir schwebte beim Schreiben manchmal das Bild der 16 bis 18 jährigen Poldi Konstantin vor.“ Der Brief ist somit einer der seltenen Hinweise darauf, dass Ernst Weiß eine Jugenderinnerung mit der Protagonistin des Romans verband.
Der zweite besondere Punkt besteht darin, dass Ernst Weiß darauf hinweist, wer die Überbringerin des Buches ist: Seine Freundin Rahel Sansara. Er empfiehlt sie als begabte Künstlerin und bittet „Poldi“, wie er die Adressatin anspricht, ihr „irgendwie zu raten“:
„Ich war vor einiger Zeit in Freiburg bei der Alice, wir sprachen jedesmal von Ihnen, und erinnern uns gemeinsam verlebter jugendschöner Tage; vielleicht finden Sie etwas von diesem uns ersehnten, nie erreichten tausendjährigen Reich der Jugend in meinem Roman! Fräulein Rahel Sansara, die Ihnen das Buch bringen wird, meine frühere Sekretärin, Freundin von Alice, die sie freilich noch als Sekretärin kennt, und nicht als die hochbegabte Tänzerin, die sie im Grunde ist, also Fräulein Sansara hat Sie unlängst im Film bewundert, wo Sie mit einer Katze gespielt haben.
Vielleicht können gerade Sie, die es bei Ihrer künstlerischen Carriere so schwer gehabt hat (mir geht es freilich auch nicht besser), vielleicht können Sie Fräulein Sansara irgendwie raten. Tun Sie das bitte!“
Ernst Weiß appelliert an die Schauspielerin, die als Künstlerin trotz aller Widerstände an ihrem Ziel, eine erfolgreiche Bühnenkarriere zu erreichen, festgehalten hatte, und verweist auch auf seine eigene Situation als Künstler – „mir geht es freilich auch nicht besser“ – schreibt er.
Der Brief gibt Hinweise auf die Fähigkeit des Autors, Persönliches und Fiktionales sehr bewusst zu verknüpfen, aber nicht zu vermischen, und er zeigt, dass Ernst Weiß nicht nur um Kontakte und den Aufbau eines Netzwerks für sich selbst, sondern auch für seine Partnerin und seine Freunde bemüht war.
Leopoldine Konstantin war zum Zeitpunkt der Niederschrift des Briefes wahrscheinlich noch in Berlin, wo Rahel Sansara sie aufgesucht haben wird, bevor die Schauspielerin Berlin wegen eines Konfliktes mit Max Reinhard, der in dem Brief ebenfalls erwähnt wird und mit dem die Schauspielerin auf den „Reinhardt-Bühnen“ bis 1912 zusammengearbeitet hatte, verließ. Das Schreiben ist datiert, aber nicht mit der Adresse der Empfängerin versehen. Leopoldine Konstantin stammte wie Ernst Weiß aus Brünn, wo sie 1886 geboren war, also vier Jahre nach dem Schriftsteller. Ihre Karriere führte sie weiter nach Wien, nach London und 1938 in die USA., wo sie ihren größten Erfolg in der Verfilmung eines Nazi-Stoffes durch Alfred Hitchcock feierte: „Notorious“ („Berüchtigt“) im Jahr 1945. Die Schauspielerin, die in „Berüchtigt“ die Mutter eines in eine Nazi-Intrige verwickelten deutschen Spions, gespielt von Claude Rains, spielte, war zum Zeitpunkt ihrer Darstellung in der Rolle 59 Jahre alt. Die Hauptrollen spielten Cary Grant und Ingrid Bergman. Bemerkenswert ist die Rolle, mit der die Schauspielerin sich nicht besonders identifizierte, dadurch, dass sie der Anfang einer leitmotivischen Struktur in den Filmen Hitchcocks darstellte. Eine vergleichbar „spezielle“ Mutter-Sohn-Besetzung, in der der Altersunterschied zwischen Mutter und Sohn unrealistisch ist, verwendete Hitchcock später in seinem Film „Der unsichtbare Dritte“ mit der „Mutter“ Jessie Royce Landis, die nur gut sieben Jahre älter als ihr „Sohn“ Cary Grant war.

Der Brief von Weiß aus dem Juni 1916 enthält ein ganzes Beziehungsgeflecht an Informationen. Als Anlass wird das Erscheinen des Romans „Der Kampf“ genannt und die Nähe der Protagonistin zu der bekannten, aber auch in Bühnenkonflikte verwickelten Schauspielerin. Rahel Sansara, für die sich Ernst Weiß in dem Brief einsetzt, hat zu diesem Zeitpunkt ihre Ausbildung als Schauspielerin bei Rita Sacchetti in Berlin begonnen. Ernst Weiß bringt in dem Brief außerdem seine Schwester Alice ins Spiel, die im Kriegsspital Leipnik in Mähren stationiert ist. Das bedeutsame Schreiben ist möglicherweise aus dem Archiv des S. Fischer Verlags, das im Deutschen Literaturarchiv verwahrt wird, in den „Teilnachlass Ernst Weiß“ geraten
Foto: Leopoldine Konstantin, Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-2008-0128-500
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
20.02.2026 Rubrik: Direktlink
17. Februar 2026
Empfehlungen von Ernst Weiß für das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“
von Peter Engel
Das Beziehungsfeld, in dem der Schriftsteller Ernst Weiß während der 20er Jahre in der deutschen Hauptstadt Berlin agierte, war vielfältig ausdifferenziert und stark darauf ausgerichtet, seine eigenen literarischen Werke bei Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen „unterzubringen“, weil er nur so seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Anders etwa als Kafka, der einen zwar ungeliebten, aber einträglichen Brotberuf als Versicherungsangestellter hatte, anders auch als jene zeitgenössischen Schriftsteller, die mehr oder minder feste „buchnahe“ Anstellungen hatten, war Weiß als freier Schriftsteller in besonderem Maße auf das angewiesen, was man heute als Vernetzung mit einflußreichen Persönlichkeiten bezeichnen würde. Aber er nahm in seinem Beziehungsfeld nicht nur Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch, er wurde auch selbst tätig und gab – wenn er dazu eine Gelegenheit hatte - Empfehlungen ab, die Personen aus seinem Umfeld nützen konnten.

Ein Beispiel dafür ist ein Brief, den Weiß an den in Berlin lebenden und wirkenden Psychologen Paul Plaut schrieb, an dessen bemerkenswerter Studie „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“ er mit einem Beitrag selbst beteiligt war. 1) In dem 1929 im Stuttgarter Verlag Ferdinand Enke erschienenen Buch, das ganz in Vergessenheit geraten ist, äußert sich Weiß so ausführlich über sein eigenes Schreiben, wie er das an keiner anderen Stelle getan hat, weshalb die Entdeckung dieses Textes von einiger Wichtigkeit für die weitere Forschung über den Schriftsteller ist. 2) Der 1894 in Berlin geborene Paul Plaut hatte ursprünglich Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und wurde nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1920 in Greifswald mit einer Arbeit über Balzac promoviert. Von 1922 an begann der jüdische Wissenschaftler zusätzlich ein Medizinstudium, erwarb 1927 auch darin den Doktorgrad und wirkte dann hauptberuflich als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus.
Plaut nahm mit anderen zusammen wegweisende kriegspsychologische Untersuchungen vor und interessierte sich zudem für die seelischen Bedingungen, unten denen insbesondere Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zu ihrer schöpferischen Arbeit befähigt sind. Er wandte sich dabei gegen den herkömmlichen Geniebegriff und sammelte vielmehr aussagekräftige empirische Daten, indem er an 400 „produktive Persönlichkeiten“ Fragebögen schickte. Zu den auf diese Weise herangezogenen „Untersuchungsobjekten“ seines dann 1929 veröffentlichten Buches, durchweg namhafte Vertreter aus den Künsten und den Wissenschaften, gehörte eben auch Ernst Weiß. Der Psychologe emigrierte erst ungewöhnlich spät im Jahr 1938 nach England und starb 1960 in London.
Der dreiseitige Text von Ernst Weiß in Plauts Buch, der ohne Überschrift abgedruckt wurde, ist im Inhaltsverzeichnis des Bandes eigenartigerweise gar nicht aufgeführt, sondern wird in einer Art Anhang, mit nur ganz wenigen anderen zusammen, in ganzer Länge wiedergegeben. Plaut hatte vermutlich die schon für seine Studie gewonnenen Beiträger aus mehreren Sparten jeweils darum gebeten, ihm weitere in Frage kommenden Personen zu benennen, die er ebenfalls für seine Studie befragen könnte. Ernst Weiß nutzte jedenfalls seinen Kontakt mit dem Psychologen dafür, ihm zwei Empfehlungen in folgendem Schreiben zu übermitteln:
Daß Ernst Weiß Rahel Sanzara, seine langjährige Geliebte, als mögliche Beiträgerin für Paul Plauts Studie empfahl, erscheint auf den ersten Blick nicht als verwunderlich, tatsächlich aber war er ihr Mitte der zwanziger Jahre zwar noch innerlich nahe, aber vermutlich nicht mehr intim verbunden. Die Sanzara hatte sich nach ihrer Bühnenkarriere als Schriftstellerin versucht und 1926 mit ihrem ersten Roman „Das verlorene Kind“ einen Sensationserfolg erzielt. Manche schrieben dieses Werk Weiß zu, der das aber immer abgestritten hat und wohl wirklich nur einen gewissen inspirierenden Anteil an dem Buch hatte. Wenn er das Werk in seiner Empfehlung an Plaut einen „außerordentlichen“ Roman nennt, so war das ein Urteil, wie er es auch in seiner eigenen Besprechung des Werks anklingen läßt. 3)
Erstaunlicher ist die zweite Empfehlung, die Weiß in seinem Schreiben an Plaut aussprach. Den Vornamen des Malers Wollheim schrieb er zwar falsch – er lautet richtig Gert und nicht Gerd -, aber der Künstler, der damals zu den herausragenden gegenständlich arbeitenden Malern gehörte, muß ihm bekannt gewesen sein, sonst hätte er sich wohl kaum für ihn eingesetzt. 4) Die von ihm benannte Galerie Wiltschek, unter deren Anschrift Viktoriastraße 2 der Künstler zu erreichen sei, dürfte Weiß selbst aufgesucht haben, möglicherweise kannte er auch den Galeristen Rudolf Wiltschek persönlich, denn der stammte wie er aus Brünn, war allerdings fünf Jahre jünger. 5) Plaut hat beide Empfehlungen von Weiß entweder nicht berücksichtigt oder die Angeschriebenen haben ihm nicht geantwortet, denn weder die Schriftstellerin noch der Maler sind unter den Persönlickeiten aufgeführt, die dem Psychologen die Sicht auf ihr jeweiliges Schöpfertum dargelegt haben.
_________________
Hinweise
1) Den Hinweis auf den Brief - wie zuvor schon auf das Buch von Plaut - verdanke ich dem Literaturwissenschaftler Gregor Ackermann, der in den seinerzeitigen „Weiß-Blättern“ mehrere Teilbibliographien zum Schaffen von Ernst Weiß veröffentlicht hat. Das weiter unten wiedergegebene Schreiben des Schriftstellers wird in der Wiener Holocaust Library aufbewahrt und ist, zusammen mit dem übrigen Zuschriften an Plaut von bedeutender Persönlichkeiten, darunter Alfred Döblin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Ricarda Huch, Edmund Husserl, Käthe Kollwitz, Thomas Mann. Max Planck, Max Slevogt, Carl Sternheim und Ernst Toller, im Internet einsehbar unter dem Programmpunkt „Paul Plaut: correspondence“.
2) Der Text ist unter der Überschrift „Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben“ am 23. März 2023 unter der Rubrik „Neuigkeiten“ auf dem „Ernst Weiß Portal“ neu veröffentlicht worden.
3) Vgl. die Weiß-Rezension „Das verlorene Kind“, die zuerst 1926 in der Zeitschrift „Der Querschnitt“ erschien und die der Verfasser in seine Sammlung „Das Unverlierbare“ übernahm, die 1928 bei Rowohlt herauskam, jetzt ist der überschwengliche Text nachzulesen in der Zusammenstellung „Die Kunst des Erzählens“, der 1982 als 16. Band der vom Suhrkamp Verlag vorgelegten Weiß-Werkausgabe erschien, dort auf den Seiten 291 bis 296.
4) Mona Wollheim, die spätere Frau des Malers, lernte Weiß erst viele Jahre später während seines Pariser Exils kennen. Sie hat darüber in dem Bändchen „Begegnung mit Ernst Weiß, Paris 1936-1940“ berichtet, das 1970 im Münchner Kreißelmeier Verlag erschien.
5) Aus der „Opferdatenbank Holocaust“ geht hervor, daß Rudolf Wiltschek 1887 in Brünn geboren und 1942 im KZ Sobibor ermordet wurde. Seiner Galerie, in der er 1928 nachweislich Werke von Gert Wollheim zeigte, und seiner möglichen Bekanntschaft mit Weiß ist an anderer Stelle noch einmal genauer nachzugehen.
Über den Autor

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin (Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden (Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv, in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben der Weiß-Romane befinden.
17.02.2026 Rubrik: Beiträge Direktlink
17. Januar 2026
„Albert Ehrenstein und die Musik“ - Eine bisher unbeachtete Handschrift von Ernst Weiß
von Cornelia Heering

Es sind nicht viele eigenhändige Werke von Ernst Weiß erhalten geblieben, die meisten seiner auf uns gekommenen Texte sind diktiere Typoskripte oder gedruckte Publikationen. Umso bemerkenswerter ist ein bisher unbekannter Fundus aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, zu dem neben 81 handschriftlichen Briefen an Rahel Sanzara ein Manuskript über die 1916 im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienene Lyriksammlung „Der Mensch schreit: Entwandlung“ von Albert Ehrenstein gehört. Der Titel dieser handschriftlichen Rezension lautet „Albert Ehrenstein und die Musik“, ob sie veröffentlicht wurde, ist bisher noch nicht ermittelt worden.
Gleich im ersten Satz seiner Besprechung führt Weiß einen ungewöhnlichen Vergleich ein: „Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als begleitender, wirklich führender Musik.“ Als einen solchen Oratoriendichter beschreibt Weiß den Lyriker Ehrenstein.
Es gibt nicht allzu viele Aussagen von Ernst Weiß zum Thema Krieg. Seine eigenen Erfahrungen hat er in seinem literarischen Werk verarbeitet, am intensivsten in seiner Erzählung „Franta Zlin“. Eindeutiger hat sich dagegen Ehrenstein als Kriegsgegner geäußert, und dass Ernst Weiß sich ihm in dieser Rezension an die Seite stellt, ist bemerkenswert an dem Text. Der Besprecher geht auch darauf ein, dass Ehrenstein in seiner Lyriksammlung ein Gedicht seinem Freund Georg Trakl widmet, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. In seiner Interpretation dieses Textes spricht Weiß davon, dass „atemlose Erhebung über die Bedrückung“ die Wirkung des Gedichtes sei. Die Besprechung des Lyrikbandes schließt mit dem Urteil, dass sie „Musik der Musik“ sei, die über den Tod hinausführt. Und dann heißt es weiter:
"Es gibt Oratoriendichter, und es gibt echte Musiker unter den
Lyrikern. Die Oratoriendichter gehen ins Ohr, dorthin sind sie
gerichtet, dort erwecken sie die Sehnsucht nach beglückender, mehr als
begleitender, wirklich führender Musik. Die Grundfigur dieser Art ist
Lord Byron: Manfred, Kain, die orientalischen Gesänge, ja selbst Childe
Harold und Don Juan sind opernmäßig, freilich opernmässig in einer Höhe,
die der Komponist der Durchschnittszeit kaum erreicht.
Die Musik, die ich meine, ist nicht gemeint als musikalischer
Wohlklang: Wohlklang ist ja doch nicht der Musik eigentümlichstes
Merkmal, sonst wäre die Glocke ein musikalisches Instrument, und die
Geige ein Kinderschreck. Musik ist das Mitschwingen einer sonst den
Lebenden unerreichbaren Dimension durch die Kunst. Und diese Art Musik,
die weit über unseren Häuptern weht, die höre ich, und hören bald viele,
hoffe ich, aus den Werken Ehrensteins heraus."
Ernst Weiß, der später sehr viele Rezensionen als Auftragsarbeiten schrieb, zeigt sich in der bisher unbekannten frühen Ehrenstein-Würdigung auch als profunder Musikkenner. Er spielte nach dem Zeugnis seiner Freunde selbst ausgezeichnet Klavier und bemühte sich auch während seiner Stationierung als Regimentsarzt in der österreichischen Armee um ein Instrument, auf dem er Stücke auswendig spielte. Der Fund der Handschrift „Albert Ehrenstein und die Musik“ ist erst nach dem Erwerb mehrerer Briefe aus dem Bestand eines privaten Nachlasses im Deutschen Literaturarchiv möglich geworden. Der komplette Text wird demnächst in einer größeren Publikation zugänglich gemacht.
Foto: Albert Ehrenstein, 1910er Jahre, Quelle: Wikipedia
Über die Autorin

Cornelia Heering, Literaturwissenschaftlerin, Promotion zur Dr. phil. mit einer Arbeit über Ernst Weiß und Rahel Sanzara („Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933“). Langjährige Geschäftsführerin eines Bildungsmedienverlags und Lehrbeauftragte an der Universität der Künste, Berlin. Arbeitet und publiziert zu Themen der Bildungsforschung, Kulturwissenschaft und Biographieforschung. Lebt und arbeitet in Berlin. LinkedIn-Profil
17.01.2026 Rubrik: Beiträge Direktlink
30. November 2025
Pressestimmen: Ernst-Weiß-Roman „Männer in der Nacht“ erstmals auf italienisch
von Ginevra Quadrio Curzio
Die erste italienische Übersetzung des Weiß-Romans Männer in der Nacht ist im Februar dieses Jahres, genau 100 Jahre nach dem Erscheinen der Originalausgabe, von dem jungen Mailänder Verlag Medhelan herausgebracht worden. Der Band Uomini nella notte (traduzione e cura di Ginevra Quadrio Curzio) umfaßt 180 Seiten und kostet 20 Euro. Das Echo in der Presse war vielfältig und durchgehend positiv. Im Folgenden werden die relevantesten Pressereaktionen kurz zusammengefaßt.

Die Reihe der Berichte wurde am 28. Februar eingeleitet mit einem langen Artikel von Riccardo Canaletti in der Tageszeitung „Il Foglio“ mit Sitz in Mailand und Rom. Unter dem Titel Un romanzo su Balzac e l’irragionevolezza del mondo (Ein Roman über Balzac und die Unvernünftigkeit der Welt) setzt der Rezensent den Schriftsteller Weiß und sein Werk insgesamt in Beziehung zu seinem Freund Franz Kafka, dessen er bedurft habe, damit er über „sich selbst klar“ wurde. Der Stil des Romans wird als ein „hoher, durchgearbeiteter“ gewürdigt und mit dem des englischen Schriftstellers Martin Amis verglichen.
Am 9. März figurierte Uomini nella notte an dritter Stelle in der Rangliste der besten Neuerscheinungen in der Kulturbeilage „Robinson“ der Tageszeitung „La Repubblica“. Kurz darauf, am 13. März, erschien eine Besprechung von Daniele Abbiati in der Tageszeitung „Il Giornale“ mit dem Titel Il dottor Weiss scruta nell’anima dei suoi „Uomini nella notte“ (Der Arzt Dr. Weiß schaut in die Seele seiner Männer in der Nacht). Darin geht es auch um die anderen Arzt-Protagonisten in den Romanen von Ernst Weiß, und es wird hervorgehoben, daß Ärzte wie Schriftsteller versucht seien, „Gott zu spielen“, das Schicksal der Menschen neu zu gestalten. Der Rezensent lobt insbesondere die psychologische „Durchschlagskraft“ der Werke von Weiß und findet, daß der Bericht über die Affäre Peytel den besten Kriminalromanen von Georges Simenon in nichts nachsteht.
Am 1. April lobte „Il Riformista“ die Initiative des Verlags Medhelan, „ein bisher unbekanntes Kleinod“, den großartigen Roman über Balzac, ins Italienische übersetzen zu lassen. Vom 5. Mai datiert die von Vito Punzi verfaßte Besprechung in der Tageszeitung „Avvenire“, wonach die relative Vergessenheit, in die Ernst Weiß geraten ist, mit den Auswirkungen der Nähe zu seinem Landsmann Franz Kafka zu erklären sei. Dennoch meint der Rezensent, daß gerade jene Elemente Weiß heute noch lesenswert machen, die ihn mit seinem Freund Kafka verbinden, insbesondere im Blick auf die Beleuchtung der tragischen Lage der Kreatur, die der Mensch mit den Tieren teilt. Auch findet Vito Punzi den Bericht über die Affäre Peytel überzeugender als die Kapitel, die dem Aufstieg und Fall des Napoleon Bonaparte gewidmet sind.
Am 13. Mai war im Literatur-Blog „LuciaLibri“ über Uomini nella notte die Rede von dem „erstaunlichen Werk“ eines „noch nicht genügend bekannten mitteleuropäischen Autors, dessen Romane die Verlagskataloge von Adelphi, Elliot, Castelvecchi und nun auch Medhelan“ schmücken. Der Blog-Artikel enthält leider einige Ungenauigkeiten, wie z. B. die verbreitete, aber nicht zutreffende Legende, nach der die im Roman „Der Augenzeuge“ erzählte Geschichte autobiographisch sei und Weiß selbst als Arzt im Ersten Weltkrieg Adolf Hitler von seiner hysterischen Blindheit geheilt habe.
Schließlich brachte „La Provincia“, die Tageszeitung der Provinz Como, am 20. Oktober eine von Mattia Mantovani stammende Rezension des Buches. Darin wird die Thematik betont, die den Roman mit dem restlichen Werk des Autors verbinde: Das Leben als ein Schicksal, dessen Verlauf der Mensch zwar beeinflussen, aber nicht aufhalten könne. Das Buch sei vielleicht nicht der beste Roman von Weiß, aber Männer in der Nacht habe den Vorzug, die genannte Grundansicht unmißverständlich klar zum Ausdruck zu bringen.
30.11.2025 Rubrik: Beiträge Direktlink
02. Oktober 2025
Ernst Weiß und E. R. Weiß – Der Schriftsteller und sein bekanntester Buchgestalter
von Peter Engel
Das Thema „Ernst Weiß und die bildende Kunst“ ist bisher aus dem einfachen Grund noch nicht behandelt worden, weil es dafür an einschlägigem Material mangelt. Zwar hat sich der Schriftsteller in seinen Essays, Aufsätzen und Schriften zur Literatur nicht nur mit den von ihm geschätzten Autoren befaßt, sondern ebenso die großen Maler von Raffael bis Rubens, von Dürer bis Rembrandt – in den passenden Zusammenhängen – mit einigen Worten bedacht. Auch Manet und Degas, van Gogh und Cezanne, ja selbst Munch und Le Corbusier waren ihm ein paar Bemerkungen wert, aber die schöpfte er aus seinem Bildungsvorrat, die meist knappen Erwähnungen waren nicht der eingehenden Beschäftigung mit den genannten Künstlern geschuldet. Einzige Ausnahme von dieser Regel ist der intensive Essay, den Weiß dem Zeichner Honoré Daumier widmete und der ihn auf der Höhe seiner analytischen Fähigkeiten zeigt.

Über die tatsächlichen Kunstkenntnisse des Schriftstellers wissen wir kaum etwas, in seinen bisher bekannten Briefen etwa findet sich nichts über Museumsbesuche oder Begegnungen mit Künstlern. Dabei sind einige seiner Werke illustriert worden, so die Erstausgabe seines Romans „Die Feuerprobe“ (1923) von keinem geringeren Maler als Ludwig Meidner. Auch haben bekannte Buchgestalter für seine Romane Einbände und Umschläge geschaffen, durch die sie aus der Masse des üblichen Lesestoffs herausgehoben werden sollten. In einem Fall hat sich Weiß über einen solchen Buchkünstler auch geäußert, nämlich über Hans Meid, aber das geschah nur anläßlich der Besprechung von Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ (1930), die von Meid „reizend illustriert“ worden sei, wie der Rezensent beiläufig anmerkte.
Ungewiß ist, ob Weiß jemals Kontakt mit einem der bedeutendsten Buchkünstler während der Zeit der Weimarer Republik hatte, nämlich mit E. R. Weiß, mit dem er nicht nur den Nachnamen teilte, sondern der auch für die äußere Gestalt seines Roman „Boetius von Orlamünde“ von 1928 verantwortlich war. Dieser Künstler, der vor 150 Jahren, am 12. Oktober 1875 im badischen Ort Lahr geboren wurde und dem die Eltern die Vornamen Emil Rudolf gaben, war – mit einem heutigen Ausdruck - der Chefdesigner des S.Fischer Verlags, zu dem Weiß mit seinem „Boetius“ noch einmal zurückgekehrt war, nachdem in diesem bedeutenden Haus 1913 sein Erstlingswerk „Die Galeere“ erschienen war und danach noch weitere Bücher.

Für die Erstausgabe des „Boetius von Orlamünde“ – die überarbeitete spätere Fassung hieß dann „Der Aristokrat“ – gestaltete E. R. Weiß neben dem Umschlag vor allem auch den Einband, der auf lindgrünem Leinen ein sich aufbäumendes Pferd zeigt. Diese Zeichnung stammt von der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965), die durch ihre Tierskulpturen bekannt wurde und mit der E. R. Weiß seit 1917 verheiratet war. Die Pferdezeichnung ist sogar mit den Initialen der Künstlerin signiert, was bei Einbänden eher selten ist, die Schreibschrift der Titelei scheint die private Schrift von Weiß nachzuahmen, was andeuten könnte, daß es vielleicht doch eine Bekanntschaft zwischen dem Romanautor und den beiden Künstlern gegeben haben könnte, nur fehlen die beweisenden Dokumente dafür bisher. Eine Verbindung gab es aber in der Tat zwischen dem Schriftsteller und der Bildhauerin, beide wurden nämlich 1928 im Kulturprogramm der Sommer-Olympiade von Amsterdam – so etwas gab es damals noch – ausgezeichnet: Weiß eben für den Roman „Boetius von Orlamünde“ mit einer Silbermedaille, Renée Sintenis mit einem dritten Preis beim Kunstwettbewerb in der Sektion Plastik.

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, flüchtete Ernst Weiß bekanntlich erst nach Prag und ging dann ins Pariser Exil, wo er sich im Sommer 1940 beim Einmarsch deutscher Truppen das Leben nahm. Der Gestalter eines seiner Hauptwerke, des Romans „Boethius von Orlamünde“, verlor 1933 sofort seine Professur an der Berliner Kunstgewerbeschule, später Vereinigte Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst, wo er seit 1910 die Fachklasse für dekorative Wandmalerei und Musterzeichnen geleitet hatte. Nach dem Verlust seines Lehramtes lebte E. R. Weiß ausschließlich von seiner buch- und schriftkünstlerischen Tätigkeit und zog sich in seine badische Heimat zurück. 1937 wurde er aus der Akademie der Künste ausgeschlossen, am 7. November 1942 starb er in Meersburg, auf andere Art als sein Nachnamensvetter Ernst Weiß ebenfalls ein Opfer der Nationalsozialisten.
02.10.2025 Rubrik: Beiträge Direktlink
03. September 2025
Seite an Seite mit Walter Benjamin – Nachruf auf Ernst Weiß im New Yorker „Aufbau“
von Peter Engel
Obwohl sie gemeinsame Bekannte und Interessen hatten, beide ihre Exiljahre während des „Dritten Reiches“ überwiegend in Paris verbrachten und vor 1933 ihr Lebensmittelpunkt Berlin gewesen war, scheinen sich der Philosoph Walter Benjamin und der Romancier Ernst Weiß gegenseitig nicht wahrgenommen zu haben. Dafür hat sich jedenfalls bisher keine dokumentarische Spur finden lassen, was auch deshalb etwas verwunderlich ist, weil beide – um nur das zu sagen – von Franz Kafka und seinem Schaffen fasziniert waren und darüber erhellend geschrieben haben, weil zudem beide früh Werke von Marcel Proust für Berliner Verlage übersetzten. Diese starken Berührungspunkte reichten aber offensichtlich nicht aus, um eine Beziehung zwischen Ernst Weiß und Walter Benjamin zu stiften.

Tatsächlich wird der Philosoph in den mir zugänglichen Texten von Weiß nirgends erwähnt, nicht einmal in den drei Schreiben an Siegfried Kracauer, den sehr guten Freund Benjamins. Auf der anderen Seite konnte in den Beständen des Benjamin-Archivs, das die Berliner Akademie der Künste betreut, nicht der geringste Hinweis auf den Schriftsteller ermittelt werden, wie mir die zuständige Bearbeiterin Ursula Marx mitteilte,
Während ihrer Pariser Zeit mußten sich beide Emigranten sehr mühsam durchschlagen, und als Hitler-Deutschland auch in Frankreich einfiel, wußten sie nur zu genau, was Ihnen als Juden bei einem Verbleiben in der französischen Hauptstadt drohte. Ernst Weiß hatte die Energie zur Flucht nicht mehr und legte beim Herannahen der Wehrmacht Hand an sich, starb am 15. Juni 1940. Benjamin war noch rechtzeitig geflohen und schlug sich in den folgenden Wochen bis zur spanischen Grenze durch, wo die Beamten ihn jedoch zurückwiesen und nicht passieren ließen. Er befürchtete eine Auslieferung an die Deutschen, suchte das Hotel Francia de Portbou auf und entleibte sich dort selbst in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940.
Diese beiden Selbstmorde findet man in der Literatur über die deutschsprachige Emigration während des „Dritten Reiches“ häufig verzeichnet, ohne daß dabei die Todesfälle in eine inhaltliche Nähe zueinander gebracht werden. Es gibt aber ein Dokument, in dem die beiden Opfer des nationalsozialistischen Wütens Seite an Seite gewürdigt werden: In der New Yorker Emigrantenzeitung „Aufbau“ fanden die Leser am 18. Oktober 1940 auf der Titelseite Nachrufe auf Walter Benjamin und Ernst Weiß, und dort waren die beiden, die im Leben trotz vieler Gelegenheiten offenbar nicht zueinander gefunden hatten, nun im Tode gewissermaßen vereint, denn ihre Nekrologe standen nebeneinander.
Während der bisher unbekannte Nachruf auf Weiß von einem Verfasser stammt, der seinen kenntnisreichen Text mit dem bisher nicht aufgeschlüsselten Kürzel V.W. zeichnete, hat den Nekrolog auf Benjamin mit bewegenden Worten Theodor W. Adorno verfaßt, der dem Philosophen sehr nahe stand. Sein ehrender Nachruf ist der Forschung bekannt, wie mir Michael Schwarz, der zuständige Mitarbeiter des Adorno-Archivs der Berliner Akademie der Künste mitteilte, er ist im Band 20 der „Gesammelten Schriften“ Adornos enthalten. Hingegen wird der Nachruf auf Ernst Weiß hier nach seinem Erstdruck im „Aufbau“ wieder erstmals wieder zugänglich gemacht.
03.09.2025 Rubrik: Beiträge Direktlink
06. November 2024
Ergänzungen zur Bibliographie Ernst Weiß im Oktober 2024
Frau Dr. Cornelia Heering aus Berlin hat uns Ergänzungen zur Bibliographie Ernst Weiß zur Verfügung gestellt. Stand: Oktober 2024.
1. Literaturgeschichtliche Abhandlungen
2023
- Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter. Lebensgeschichten und Dokumente. Göttingen (Wallstein) 2023.
2018
- Lothar Köhn: Überwindung des Historismus. Zu Problemen einer Geschichte der deutschen Literatur zwischen 1918 und 1933. Berlin (LIT Verlag, Reihe Zeit und Text) 2018.
2004
- Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900-1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. München (Beck) 2004.
2. Darstellungen in kulturwissenschaftlichen Untersuchungen
2024
- Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur. München (Beck) 2024.
- Cornelia Heering: Sichtwerk. Bild und Wahrnehmung. Berlin (Logos Verlag, Reihe Formen aus Formen) 2024. (Bes. S. 20, S. 100-114).
3. Dissertationen/Hochschulschriften
2009
- Christiane Dätsch: Existenzproblematik und Erzählstrategie. Studien zum parabolischen Erzählen in der Kurzprosa von Ernst Weiß. Tübingen (Max Niemeyer) 2009.
- Cornelia Heering: Die Kultur des Kriminellen. Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933: Ernst Weiß. Mit einem Exkurs zu Rahel Sanzara. Berlin (LIT) 2009.
2008
- Tom Kindt: Unzuverlässiges Erzählen und literarische Moderne. Eine Untersuchung der Romane Ernst Weiss. Tübingen (Max Niemeyer) 2008.
1998
- Anja Lübbig: Die Psychiatrie in den Exilromanen von Ernst Weiss. Aachen (Shaker) 1998.
1994
- Angela Steinke: Ontologie der Lieblosigkeit. Untersuchungen zum Verhältnis von Mann und Frau in der frühen Prosa von Ernst Weiss. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1994.
1993
- Margarita Pazi: Ernst Weiß. Schicksal und Werk eines jüdischen mitteleuropäischen Autors in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. u.a. (Lang) 1993.
1990
- Manuel Streuter: Das Medizinische im Werk von Ernst Weiss. Herzogenrath (Murken-Altrogge) 1990.
1989
- Thomas Delfmann: Ernst Weiss. Existenzialistisches Heldentum und Mythos des Unabwendbaren. Münster (Kleinheinrich) 1989.
1986
- Franz Haas: Der Dichter von der traurigen Gestalt. Zu Leben und Werk von Ernst Weiß. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1986.
- Rita Mielke: Das Böse als Krankheit. Entwurf einer neuen Ethik im Werk von Ernst Weiß. Frankfurt am Main u.a. (Lang) 1986.
1984
- Margherita Versari: Ernst Weiß. Individualität zwischen Vernunft und Irrationalismus. Frankfurt a. M. u.a. (Lang) 1984.
1981
- Ulrike Längle: Ernst Weiss. Vatermythos und Zeitkritik. Die Exilromane am Beispiel des „Armen Verschwenders“. Innsbruck (Universitätsverlag) 1981.
1978
- Margarita Pazi: Fünf Autoren des Prager Kreises. Frankfurt a. Main u.a. (Lang) 1978.
1971
- Wolfgang Dieter Elfe: Stiltendenzen im Werk von Ernst Weiß unter besonderer Berücksichtigung seines expressionistischen Stils. Frankfurt a.M. u.a. (Lang) 1971.
4. Briefwechsel
(folgt)
5. Erwähnungen
In Biografien anderer Autoren
2007
- Hans-Harald Müller: Leo Perutz. Biographie. Wien 2007.
2002
- Rainer Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt am Main 2002.
6. Bezüge in literarischen Texten
- Anna Seghers: Transit. Darmstadt und Neuwied 1982.
- Ödön von Horvath: Der ewige Spießer. Laut Traugott Krischke widmete Ödön von Horvath seinen Roman Ernst Weiß. (In: Traugott Krischke: Ödön von Horvath. München 1980. S. 84).
7. Biographien
- Thomas Diercks: Weiß, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 27 688-689.https://www.deutsche-biographi...
06.11.2024 Rubrik: Beiträge Direktlink
21. Oktober 2024
Balzac-Roman von Ernst Weiß wird ins Italienische übersetzt
„Männer in der Nacht“, der einzige historische Roman von Ernst Weiß, wird derzeit ins Italienische übertragen. Die Übersetzerin Ginevra Quardrio Curzio hat die Aufgabe vom Mailänder Verlag Medhelan erhalten, der das Werk im nächsten Jahr herausbringen will. In dem Buch geht es um eine Episode im Leben des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac (1799-1850), der einem fast vergessenen Jugendfreund bei seinem Mordprozeß zu helfen versucht, dabei aber in idealistischer Verblendung die Tatsachen verkennt.

Der Roman „Männer in der Nacht“, der 1925 im Berliner Propyläen erschien, markiert eine Wende im erzählerischen Schaffen von Ernst Weiß. Er befreite sich in dem Werk von den „Überhitztheiten“ seiner vorherigen Werke und habe „seine Leidenschaft gebändigt, planhaft und voll meisterlicher Geduld“ das Netz seiner Romanhandlung gewoben, wie Stefan Zweig in seiner Rezension des Buches bemerkte.
Weiß hatte sich wegen der Thematik des Werks eine Übersetzung ins Französische erhofft, die aber nicht zustandekam. Der Roman wurde erst in der umfassenden Werkausgabe von 1982 wieder verfügbar gemacht, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem erstmaligen Erscheinen. Bei den Übersetzungen von Weiß-Büchern in diverse Sprachen ist „Männer in der Nacht“ bisher übergangen worden und auch die Literaturforschung hat das Werk unberechtigterweise wenig beachtet.
21.10.2024 Rubrik: Direktlink
09. Oktober 2024
Ernst Weiß lesen
Auf einer offenen Bühne, auf der ich eine Kurzgeschichte vortrug, kam mir die Idee, eine Lesung zu organisieren, auf der Passagen aus Romanen von Ernst Weiß vorgelesen würden. Eingeführt würde die Lesung mit einer kurzen Vorstellung des Arztes und Schriftstellers Ernst Weiß mit Stichpunkten über seine ganz eigene literarische Handschrift.

Desweiteren könnten Ausgaben seiner Romane und vorhandene Verfilmungen ausgelegt werden, damit Interessierte vor und nach der Lesung einen Überblick über sein Werk und Teile der Rezeption finden können. Auch ein Buchhändler oder eine Buchhändlerin könnte mit einem Stand vertreten sein, der lieferbare Ernst-Weiß-Romane sowie Meisterwerke seiner literarischen Zeitgenossen zum Kauf anbietet.
Zur Zeit suche ich Mitstreiter im Raum Gelsenkirchen, wobei ich mir
weitere Lesungen dieser Art (auch mit anderen fast oder ganz vergessenen
SchriftstellerInnen der Modernen Klassik) im gesamten Ruhrgebiet
vorstellen kann. Arbeitstitel: Fast vergessen – moderne Klassiker der
Literatur zwischen Kaiserreich und Faschismus. Melden Sie sich bitte via Email, wenn Sie:
- Interesse an Mitarbeit haben,
- Sie einen Vortrag über Ernst Weiß halten möchten,
- Sie das Projekt anderwertig als BuchhändlerIn, als KennerIn der Kulturförderung oder Literaturmensch unterstützen möchten,
- oder einfach Freude an Literatur und Organisieren haben.
09.10.2024 Rubrik: Sonstiges Direktlink
10. Januar 2024
Neue Studie über die Beziehung von Ernst Weiß und Franz Kafka
In der gerade erschienenen E-Book-Ausgabe des Buches „Franz Kafkas literarisches Umfeld in Prag“, den Christine Lubkoll und Harald Neumeyer im Verlag J.B. Metzler (Heidelberg) herausgeben haben, stammt der Beitrag über Ernst Weiß von dem Literaturwissenschaftler Clemens Dirmhirn, einem Mitarbeiter am Institut für germanistische Literaturwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. In einer dem Aufsatz vorangestellten Zusammenfassung heißt es:
Der Beitrag zu Ernst Weiß beleuchtet zunächst die biografische Vernetzung dieses Schriftstellers mit Franz Kafka vom ersten Zeugnis eines Zusammentreffens 1913 bis zu Kafkas Tod 1924. Dabei kommt die wechselvolle Freundschaft ebenso in den Blick wie Zuschreibungen des Westjüdischen. Im zweiten Abschnitt wird das bis 1924 entstandene Frühwerk Weiß‘ fokussiert. Unter Rückgriff auf die zeitgenössische Rezeption werden charakteristische Züge
dieser eng zusammenhängenden Texte benannt. Der Analyseteil widmet sich der ausgeprägten Präsenz von Antithesen, bezieht sie auf die Thematisierung eines aporetischen Verhältnisses zwischen Ideal und Wirklichkeit und setzt sie zu
Kafkas Umgang mit diesem Problem ins Verhältnis. Im letzten Abschnitt werden die jeweiligen Strategien des Umgangs mit diesen Aporien im Kontext eines breiteren Kulturdiskurses verortet. Dabei wird deutlich, dass sich Weiß in spezifische Diskurse einschreibt, während diese bei Kafka selbst thematisch werden.
Autor: Peter Engel

10.01.2024 Rubrik: Studien Direktlink
03. November 2023
CFP: Ernst-Weiß-Jahrbuch 1 (2024): Allgemeine Beiträge und Schwerpunkt „Ernst Weiß und Franz Kafka“ (18.12.2023)
Mit dem Ernst-Weiß-Jahrbuch, das ab 2024 voraussichtlich im Universitätsverlag Winter
erscheinen soll, schließen wir an die von 1973–76 und 1983–89 von Peter Engel herausgegebenen
Weiß-Blätter als Organ für die internationale Ernst-Weiß-Forschung an. 90 Jahre nach den
Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 wollen wir damit erneut eine Forschungsplattform für
Beiträge zu diesem „tragisch vergessenen“ (FAZ) unter den von den Nationalsozialisten verfolgten
Autorinnen und Autoren bieten.
Der Schriftsteller und Arzt Ernst Weiß (1882–1940), zeitweise ein enger Freund Franz Kafkas, wurde in der Zwischenkriegszeit zu den bedeutendsten Romanciers der Weimarer Republik gezählt – so identifizierte Thomas Mann Weiß 1924 als das „wohl das stärkste Talent unserer neuesten Prosadichtung“. Weiß’ Biographie ist typisch für die tragisch gebrochenen Lebensläufe, Netzwerke und die Rezeption jüdischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen im Nationalsozialismus. Im April 1933, schon wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Reichstagsbrand, siedelte er von Berlin zunächst nach Prag über, 1934 emigrierte er nach Paris, wo er in prekären Verhältnissen lebte und von Stefan Zweig und Thomas Mann finanziell unterstützt wurde, denen er seine beiden im Exil bei Querido in Amsterdam und Humanitas in Zürich publizierten Romane Der arme Verschwender (1936) und Der Verführer (1938) widmete. Weiß wählte im Juni 1940, am Tag des Einmarsches deutscher Truppen in das zur offenen Stadt erklärte Paris, den Freitod. Ein Großteil seines Nachlasses gilt als verschollen.
Mehrfach musste das Werk von Ernst Weiß ‚wiederentdeckt‘ werden: zuerst in den 1960er Jahren mit der Publikation seines letzten, im Exil entstandenen Romans Der Augenzeuge, zuletzt um 1982 von Peter Engel und Volker Michels, die bei Suhrkamp seine Gesammelten Werke in 16 Bänden herausgaben. Trotz großer Resonanz in den 1980er Jahren war diese ‚Renaissance‘ nicht von Dauer.
Angesichts dieser bedauernswerten Situation und der durch das Erlöschen der Urheberrechtsschutzfrist 2010 erfolgten Flut ungenügender Ausgaben ist es angezeigt, sich Ernst Weiß und seinem Werk erneut aus dezidiert literaturwissenschaftlicher Perspektive zu nähern, um seine eminente Bedeutung für die deutschsprachige Literatur und seine Relevanz für die Gegenwart herauszuarbeiten.
Das zu diesem Zweck gegründete Ernst-Weiß-Jahrbuch soll neben einer allgemeinen Sektion literaturwissenschaftlicher Abhandlungen auch Platz für Rezensionen und Editionen relevanter Materialien bieten. Eine weitere Sektion soll sich jährlich einem Schwerpunktthema widmen, wobei das erste Heft zum 100. Todestag Franz Kafkas 2024 „Ernst Weiß und Franz Kafka“ fokussiert.
Bitte senden Sie Beitragsvorschläge von ca. 500 Wörtern für die allgemeine Sektion oder das Schwerpunktthema 2024 „Ernst Weiß und Franz Kafka“ mit kurzen bio-bibliographischen Angaben zu Ihrer Person bis zum 18.12.2023 an Peter Engel (peter_engel@gmx.de) und Diego León-Villagrá (diego.leon-villagra@uni-weimar.de). Die Abgabe der fertigen Beiträge für das Ernst-Weiß- Jahrbuch 1 (2024) erbitten wir zum 1.4.2024.
Peter Engel
Diego León-Villagrá
Bauhaus-Universität Weimar, Belvederer Allee 9, 99425 Weimar
03.11.2023 Rubrik: Studien Direktlink
24. Juli 2023
Carlos Fortea - Neue Übersetzung eines weiteren Weiß-Romans ins Spanische
Dem Schriftsteller Ernst Weiß wird weiterhin der Weg zu den spanischen Lesern gebahnt. Nach der großartigen Übersetzung des „Aristokraten“ durch Alberto Gordo kommt nun das Werk „El médico de la prisión“ („Der Gefängnisarzt“, 1934) in die Buchläden, der sechste Weiß-Roman, der auf Spanisch erscheint, diesmal in der Übersetzung des Schriftstellers Carlos Fortea.

Der Verlag, der sich an dieses neue Abenteuer wagt, ist Ginger Ape Books & Films, ein kleines und feines Unternehmen in Málaga, dem wir bereits bedeutende Werke verdanken. Wie in den letzten Jahren in der spanischen Verlagsszene üblich, handelt es sich jedoch nicht um ein Unternehmen mit großen Auflagen oder enormer Medienpräsenz, sondern um einen Verlag von absoluter Seriosität und mit guter Arbeit, bestimmt von literarischen Kriterien und dazu mit einem Katalog gewichtiger Titel ausgestattet.

Das Buch erscheint, und das ist wichtig, im Rahmen des Programms „Kreatives Europa der Europäischen Union“ in einer Sammlung mit dem Titel "Das Mosaik Europas: Verschwundene Königreiche", zu der auch Das Epos der Morgensterne des albanischen Autors Rudi Erebara, Mago der polnischen Autorin Magdalena Parys und Die Geschichte eines Mordes von Ernst Kaiser gehören. Die große europäische Erzähltradition der Vergangenheit lebt in diesen Büchern wieder auf.
Autor: Peter Engel
24.07.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
18. April 2023
Ein erfreulicher Fund: Ernst Weiß zu Hesses “Roßhalde”
Im folgenden Text schreibt Volker Michels über eine Rezension von Ernst Weiß, in der letzterer die Erzählung "Roßhalde" von Hermann Hesse bespricht. Sie erschien am 1. Mai 1914 in der National Zeitung (Berlin, 67. Jg., Nr. 101).
Volker Michels ist Herausgeber der Werke Hermann Hesses im Suhrkamp Verlag sowie Mitherausgeber der Gesammelten Werke von Ernst Weiß. Er war viele Jahre Lektor bei Suhrkamp und hat sich dort um viele mehr oder minder vergessene Schriftsteller verdient gemacht.
Ernst Weiß zu Hesses „Roßhalde“ - Ein erfreulicher Fund
von Volker Michels
Als wir 1980 zum bevorstehenden 100. Geburtstag von Ernst Weiß im Jahr 1982 die Jubiläumsausgabe seiner „Gesammelten Werke“ konzipierten, waren uns für den abschließenden 16. Band mit seinen Essays, Aufsätzen und Schriften zur Literatur noch nicht alle seiner durchweg konstruktiven Würdigungen zeitgenössischer Neuerscheinungen ins Netz gegangen, was sich leider erst später herausstellte. Ein uns entgangener Text war seine am 1.5.1914 in der Berliner „National-Zeitung“ erschienene Empfehlung von Hermann Hesses zwei Monate zuvor bei S. Fischer publiziertem Roman „Roßhalde“. Es war das letzte seiner Frühwerke, die noch vor der auch für Hesse so folgenreichen Zäsur des Ersten Weltkriegs erschienen und steht mitten zwischen der idyllischeren Jugendperiode des Erzählers und den innovativen Entwicklungen, die bald darauf mit dem pseudonymen „Demian“ einsetzten.
„Roßhalde“, wie viele seiner autobiographisch fundierten und deshalb erstaunlich wirksamen Erzählungen, thematisiert die Frage, ob ein Künstler, der das Leben nicht nur instinktiv meistern will, sondern es möglichst objektiv zu betrachten und darzustellen beabsichtigt, überhaupt zur Ehe fähig ist. Diese damals für ihn selbst virulente Problematik hat Hesse in der Geschichte des Malers Johann Veraguth fiktionalisiert. Zu Recht weist Ernst Weiß in seiner Rezension darauf hin, dass Leser, die auf action und spannende Handlungsverläufe angewiesen sind, bei solch einem Thema nicht auf ihre Kosten kommen können. Zwar spitzt sich im Verlauf der zunehmenden Entfremdung der Ehepartner ihr Konflikt bis zum Tod des von beiden geliebten Söhnchens Pierre zu, aber die eigentliche Absonderung vollzieht sich in vielen undramatischen, doch prototypischen Episoden.
Die Befunde von Ernst Weiß decken sich vollauf mit Hesses eigener Einschätzung des Buches, als er es dreißig Jahre nach der Niederschrift anlässlich einer Neuausgabe erstmals wieder gelesen hatte. „Ich dachte darin eine Art Edelkitisch zu finden. Aber es war nicht so“, vermerkt er in einem Brief vom 15.1.1942 am Peter Suhrkamp. Es habe sich bewährt. Es stehe vieles darin, was „ich heute nicht mehr vermöchte. Damals mit diesem Buch hatte ich die mir mögliche Höhe an Handwerk und Technik erreicht und bin nie weiter darin gekommen. Dennoch hatte es ja seinen guten Sinn, dass der damalige Krieg mich aus der Entwicklung riss und mich, statt zum Meister guter Formen werden zu lassen, in eine Problematik hineinführte, vor der das rein Ästhetische sich nicht halten konnte.“
In seiner Besprechung trifft Ernst Weiß die Lebensnähe, Anschaulichkeit und den Gehalt dieser Erzählung ebenso sicher wie er das Charakteristische der Werke etwa von Thomas Mann, Franz Kafka, Joseph Roth, Stefan Zweig, Franz Werfel, Jack London, Hans Fallada oder Ernest Hemingway zu erspüren verstand. Hesse selbst, der verschiedentlich empfehlend auf die Bücher von Ernst Weiß hingewiesen hat, bezeichnete die Werke seines Kollegen als „Aufrichtigkeiten und Bekenntnisse eines Mannes, der die Krankheit unserer Zeit im Tiefsten kennt.“

18.04.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
02. April 2023
Carlos Fortea: Ernst Weiß in Spanisch
Auf Bitte von Peter Engel hat der Schriftsteller und Übersetzer Carlos Fortea über die relativ neue Entdeckung von Ernst Weiß in Spanien einen Text geschrieben.
Die „Anwesenheit“ des Schriftstellers Ernst Weiß in Spanien ist relativ neu, aber nichtsdestoweniger relevant. Wie er selbst in seinen autobiographischen Aufzeichnungen sagte, war er zu Lebzeiten in praktisch keine Sprache übersetzt worden, und das galt auch für das Spanische. Man hätte meinen können, dass seine Stunde mit seiner Wiederentdeckung in Deutschland schlagen würde, aber selbst danach ließ sie lange auf sich warten. Politisch ging es Spanien 1963 nicht viel besser als Adenauers Deutschland -im Gegenteil, es ging ihm viel schlechter -, so dass man nicht damit rechnen konnte, dass Weiß einen Platz in den spanischen Büchereien finden würde.

In der Tat hat er damals keinen gefunden. Er fand ihn auch nicht, wie andere deutschsprachige Autoren, mit dem Beginn der Wende zur Demokratie. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis unsere Verlagsbranche den Sprung wagte, ihn zu entdecken. 1988 veröffentlichte Ediciones B Verlag in der Reihe Narradores de hoy [Heutige Romanciers] erstmals El testigo ocular [Der Augenzeuge], übersetzt von Alfonsina Janés und mit einem Nachwort von Peter Engel.
Damals blieb das Buch weitgehend unbeachtet, obwohl es zwei Jahre später vom Buchclub Círculo de Lectores neu aufgelegt wurde. Man könnte meinen, dass Weiß keinen Erfolg hatte und dass sein Schicksal besiegelt war, aber das neue Jahrhundert sollte ihm mehr Glück bringen. Im Jahr 2002 veröffentlicht der Minúscula Verlag die neu entdeckte Erzählung Jarmila, una historia de amor de Bohemia [Jarmila. Eine Liebesgeschichte aus Böhmen] in der Fassung eines anderen großen spanischen Übersetzers, Feliú Formosa, mit einer Nachrede von Peter Engel, und 2003 veröffentlichte der Verlag Siruela erneut El testigo ocular [Der Augenzeuge]. Diesmal erregte der Roman die Aufmerksamkeit der Kritiker. In „El País“ sprach Cecilia Dreymüller von der "kraftvollen und plastischen Prosa" von Weiß, von der "fesselnden Handlung" des des „Augenzeugen“ und der „Konstruktion der Hauptfigur, die so komplex und glaubwürdig in ihren Widersprüchen ist". Ana María Moix schrieb über Jarmila: "Präzision, Subtilität und innere Geschlossenheit sind die Qualitäten von Jarmila, einer Erzählung, deren Handlung [...] kaum zu dem literarischen Juwel werden könnte, das sie ist, wenn sie nicht mit der Meisterschaft geschrieben worden wäre, die Weiß an den Tag legt". In „La República Cultural“ bezeichnete José Ramón Martín Largo Jarmila als "Meisterwerk".

Der Erfolg ermutigte Siruela, weiteres zu veröffentlichen, und 2005 erschien El pobre derrochador [Der arme Verschwender], wiederum in der Übersetzung von Alfonsina Janés und mit einem Vorwort von Peter Engel. Im Jahr 2019 veröffentlichte der unabhängige Verlag Hjckrrh! Franta Zlin, mit einem Vorwort und einer Übersetzung von Carlos Fortea, und im Jahr 2022 publizierte der Verlag Alpha Decay El aristócrata [Der Aristokrat] mit einem Vorwort und einer Übersetzung von Alberto Gordo, und der Verlag Cátedra veröffentlichte Franziska, in der Übersetzung von Carlos Fortea. Bei dieser Gelegenheit wurde der Text von einer Vorstudie von Carlos Fortea begleitet, die wahrscheinlich die erste originale monographische Arbeit über Weiß in Spanien ist und eine vollständige Bibliographie seiner in deutscher und spanischer Sprache veröffentlichten Werke enthält.
Die Publikationsgeschichte von Ernst Weiß in Spanien ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit ist der Band El médico de la prisión [Die Vaterlosen oder Der Gefängsnisarzt] im Druck (Ginger Ape Verlag, übersetzt von Carlos Fortea). Entlang der Linien, die sein Leben und seine Karriere geprägt haben, bahnt sich der Schriftsteller Ernst Weiß posthum langsam aber sicher den Weg zu seinem rechtmäßigen Platz in Spanien.
02.04.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
23. März 2023
Ein wichtiger Fund – Ernst Weiß schreibt über das eigene Schreiben
Es fehlt nicht an Texten, in denen sich der Schriftsteller Ernst Weiß über seine Herkunft und sein Leben geäußert hat, er hat sich zudem wiederholt mit prononcierten Urteilen an literarischen Umfragen beteiligt, und was er von den Büchern seiner Kollegen hielt, kann man in seinen zahlreichen Rezensionen nachlesen, die im 16. Band der Werkausgabe von 1982 versammelt sind. Nicht darin enthalten ist aber eine ausführliche Darstellung über sein eigenes Schreiben, die der Autor im Jahr 1929 in einem wissenschaftlichen Werk veröffentlicht hat, das der Weiß-Forschung bisher entgangen ist. Es handelt sich dabei um das Buch „Die Psychologie der produktiven Persönlichkeit“ von Paul Plaut, das 1929 im Stuttgarter Verlag Ferdinand Enke erschien.
Wie ist es zu dieser wichtigen Publikation, in der sich Weiß so eingehend über sein eigenes literarisches Schaffen wie an keiner anderen Stelle geäußert hat, überhaupt gekommen? Der 1894 in Berlin geborene Paul Plaut hatte ursprünglich Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und wurde nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1920 in Greifswald mit einer Arbeit über Balzac promoviert. 1922 nahm der jüdische Wissenschaftler zusätzlich das Studium der Medizin auf, erwarb 1927 auch darin den Doktorgrad und wirkte dann hauptberuflich als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus.
Plaut nahm mit anderen zusammen wegweisende kriegspsychologische Untersuchungen vor und interessierte sich zudem für die seelischen Bedingungen, unten denen insbesondere Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zu ihrer schöpferischen Arbeit befähigt sind. Er wandte sich dabei gegen den herkömmlichen Geniebegriff und sammelte vielmehr aussagekräftige empirische Daten, indem er an 400 „produktive Persönlichkeiten“ Fragebögen schickte. Zu den auf diese Weise herangezogenen „Untersuchungsobjekten“ seines dann 1929 veröffentlichten Buches, durchweg namhafte Vertreter aus den Künsten und den Wissenschaften, gehörte eben auch Ernst Weiß.
Zum weiteren Schicksal Plauts, der erst 1938 über Amsterdam nach London emigrierte, wo er 1960 starb, ist anzumerken, daß er in der Emigration erneut auch als Gerichtsgutachter – wie schon in Berlin – tätig war und als Psychiater an der Portman Clinic wirkte. Seine Arbeiten während dieser Zeit sind in Deutschland bisher nicht hinreichend rezipiert worden, wie es überhaupt wünschenswert wäre, auf diesen weitgehend vergessenen Psychologen neu hinzuweisen.
Der dreiseitige Text von Ernst Weiß in Plauts Buch, der ohne Überschrift abgedruckt wurde, ist im Inhaltsverzeichnis des Bandes merkwürdigerweise gar nicht aufgeführt, sondern wird in einer Art Anhang, mit nur ganz wenigen anderen zusammen, in ganzer Länge wiedergegeben. Die sehr aufschlußreiche Selbstäußerung soll an dieser Stelle nicht näher untersucht und in einen Zusammenhang gestellt werden, dazu wird sich eine andere Gelegenheit finden müssen. Hingewiesen sei immerhin auf die Franz Kafka gewidmete Passage, die im Einklang mit ähnlichen Deutungen zum Leben und Schaffens seines „Freundes“, wie Weiß auch hier seinen literarischen Weggefährten nennt, einer Analyse unterzogen werden soll.
Autor: Peter Engel
Download: Ernst Weiß über sein Schreiben als PDF

23.03.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
06. März 2023
Der doppelte Ernst Weiß – Korrektur eines Irrtums
Den drei Theaterstücken „Tanja“ (1920), „Olympia“ (1923) und „Leonore“ (1923) von Ernst Weiß hat Klaus-Peter Hinze in seiner dem Schriftsteller gewidmeten Bibliographie von 1977 auf Seite 50 als viertes dramatisches Werk noch die Komödie „Die kleine Heilige“ hinzugefügt. Er datiert dieses Werk ebenfalls auf das Jahr 1923 und nennt es zwar „verschollen“, fügt aber als quasi Existenzbeweis eine Besprechung des Stücks an, die in der Zeitschrift „Das literarische Echo“ auch tatsächlich veröffentlicht wurde. Es ist allerdings auch der einzige Hinweis, den er überhaupt anzugeben vermochte, während zu den Uraufführungen der anderen drei Theaterstücke von Weiß jeweils etliche Besprechungen aufgeführt sind. Allein schon dieser Umstand hätte den Literaturwissenschaftler stutzig machen und davon abhalten sollen, die Komödie überhaupt in sein Verzeichnis aufzunehmen.
Tatsächlich beruht die Nennung des Werks in der Weiß-Bibliographie auf einem Irrtum, wie ich jetzt bei der Überprüfung von Hinweisen feststellen konnte. Die verdanke ich dem Aachener Literaturwissenschaftler Gregor Ackermann, der in den „Weiß-Blättern“ kleine Teilbibliographien zum Werk des Schriftstellers veröffentlicht hat. Nun fand er heraus, daß das „Neue Wiener Journal“ am 5. April 1923 einen Beitrag mit dem Titel „Wie ich um meinen Namen kam“ (PDF) publizierte und daß einen Tag später die Tageszeitung „Die Stunde“ mit dem Artikel „Ernst Weiß und Ernst Weiß“ folgte: Beide Veröffentlichungen zusammen bringen nun endlich Licht in das Dunkel um die „Kleine Heilige“.

Was der Bibliograph Hinze nicht ahnte oder sich nicht vorstellen konnte, ist demnach jetzt Gewißheit: Im Jahr 1923 brachte ein zweiter Schriftsteller mit dem Namen Ernst Weiß ein dramatisches Werk zur Uraufführung, eben die Komödie „Die kleine Heilige“. In dem genannten Beitrag im „Neuen Wiener Journal“ bekennt sich dieser Autor als Verfasser des Stücks und verwahrt sich dagegen, daß ihm Zeitungen „täglich“ seinen Namen „vorwerfen“ wegen der Verwechslung mit dem „Berliner Schriftsteller Ernst Weiß“.
Das ist natürlich etwas gespielt naiv, denn der „zweite“ Ernst Weiß mußte ja eigentlich wissen, daß sich längst ein namensgleicher Autor in der damaligen deutschsprachigen Literaturszene etabliert hatte, seine Werke in den bedeutendsten Verlagen der Epoche herausbrachte und auch gebührende Beachtung in der Kritik und in der Leserschaft fand. Das nicht zu wissen im Jahr 1923, als von dem „Berliner“ Weiß nicht weniger als neun Werke bereits gedruckt vorlagen, ist selbst bei einem Anfänger wenig glaubhaft – er hat wohl eher auf die „Verwechslung“ spekuliert und sich davon etwas für sich selbst versprochen.
Daß es sich in Wahrheit so verhielt, wird durch das persönliche Schreiben hinreichend deutlich, das der „zweite“ Ernst Weiß an die Wiener Zeitung „Die Stunde“ richtete und das dort auch genau einen Tag nach der ersten Veröffentlichung im „Neuen Wiener Journal“ im Wortlaut publiziert wurde. In diesem Text erklärt er ausdrücklich, er habe den „Antrag auf Namensänderung“ durch den in der deutschen Hauptstadt lebenden Autor zunächst abgelehnt. Erst als die „Berliner, Prager und Wiener Blätter“ dann die „praktische, journalistische und juristische Bedeutung des Falles“ erörtert hätten, habe er sich „raschest“ zur Erledigung der Sache entschlossen, weil er seinen Namen nicht „auf diese Weise in die Öffentlichkeit gerückt zu sehen“ wünschte.
Abbildung: "Die Stunde" vom 4. Juni 2023
Ob der so rasche „Rückzug“ des Komödien-Verfassers wirklich den von ihm genannten Grund hatte oder nicht eher auf Druck einer Klageandrohung durch seinen Berliner Namensvetter erfolgte, ist zwar zu vermuten, läßt sich aber bisher nicht nachweisen. Jedenfalls gab der Jüngere schnell nach und unterzeichnete den Artikel im „Neuen Wiener Journal“ als Raoul Ernst Weissen. Das war jedoch nicht die endgültige Namensform, unter der dieser Schriftsteller auftrat, später nannte er sich Raoul Ernst Weiss, also ohne die zusätzlichen Buchstaben „en“ und mit „ss“, aber auch damit konnte er sich nicht wirklich einen Namen machen.
Es läßt sich überhaupt vergleichsweise sehr wenig über diesen Autor ermitteln, die üblichen Nachschlagewerke versagen. Verbürgt ist immerhin, daß seine Komödie „Die kleine Heilige“ tatsächlich am 1. März 1923 zur Eröffnung des Kleinen Lustspielhauses in Hamburg uraufgeführt wurde. Dieses neue Theaterhaus mit 350 Sitzplätzen war in den Großen Bleichen in der Hamburger Innenstadt eingerichtet worden, wo später das Ohnsorg Theater seine Spielstätte hatte und mit plattdeutschen Stücken für Unterhaltung der leichteren Art sorgte.
Nach der Uraufführung der „Kleinen Heiligen“ verlieren sich die Spuren des 1899 geborenen Raoul Ernst Weiss in der Alten Welt, aber in der Neuen tauchte er als „Dramaturg, Bühnenautor, Korrespondent, Schriftsteller“ wieder auf. Er war nämlich wegen der „Hitlerei“ ebenso emigriert wie der bekannte Schriftsteller Ernst Weiß, nur eben nicht nach Paris, sondern in die USA, wo er 1995 in Berkeley auch starb. Von den USA aus hatte im Jahr 1939 ein Hilferuf von Raoul Ernst Weiss den ebenfalls in Bedrängnis lebenden Robert Musil erreicht, der jedoch nicht viel für ihn tun konnte. Dem Kommentarteil der Ausgabe von Musils Briefen aus dem Jahr 1981 ist zu entnehmen, daß der „andere“ Ernst Weiß im National Union Catalogue von 1979 mit seinen Typoskripten „Intermezzo in Venedig (Drama)“ und „The Room of dreams (A comedy in three acts)“ verzeichnet ist - mehr war über diesen vergessenen Schriftsteller bisher nicht herauszufinden.
Autor: Peter Engel
06.03.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
21. Januar 2023
Neue Übersetzung von “Der Aristokrat” in Spanische
Der Verlag Alpha Decay aus Barcelona hat 2022 eine Übersetzung des Ernst Weiß Romans "Der Aristokrat" veröffentlicht. Das Buch namens „El Aristócrata“ ist mit gebührender Wertschätzung für Ernst Weiß und einer Malerei von Max Liebermann auf dem Titelblatt ausgestattet.
Die Übersetzung basiert auf der Ausgabe der gesammelten Werke von Ernst Weiß, Band 9, Suhrkamp 1982. Das Nachwort von Peter Engel ist in der spanischen Übersetzung auch enthalten und übersetzt worden. Der Band enthält zudem ein Vorwort von Alberto Gordo.

21.01.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
16. Januar 2023
Neuausgabe einer Übersetzung von Ernst Weiß – „Tartarin von Tarascon“ bei Faber & Faber
Seitdem die Werke von Ernst Weiß „gemeinfrei“ sind, also das Copyright für seine Romane und andere Schriften im Jahr 2010 abgelaufen ist, gibt es eine Schwemme von billig aufgemachten Nachdrucken mit knalligen Covern und von dubiosen Verlagen herausgebracht. Da ist es fast eine kleine Sensation, daß das für seine schön ausgestatteten Bücher bekannte Leipziger Haus Faber & Faber eine Neuedition von Alphonse Daudets Romans „Tartarin von Tarascon“ in der Übersetzung von Ernst Weiß vorgelegt hat. Die Originalübertragung war 1928 von der Deutschen Buch-Gemeinschaft in Berlin verlegt und mit Zeichnungen von Walther Klemm versehen worden, die manche als etwas altbacken und zu bieder empfinden.

Für seine Neuausgabe des Klassikers der französischen Literatur um den spießigen Tartarin, der gleichwohl liebenswerte Züge hat, wählte Faber & Faber die Illustrationen einer 1942 in Paris bei Paul Continaud erschienenen Version des Romans, zu dem der Künstler Jacques Touchet insbesondere stimmungsreiche Aquarelle schuf. Als dieses Buch seine interessierten Leser fand, waren die französische Hauptstadt und große Teile des Landes von den Nazi-Machthabern okkupiert, und der in die Seinestadt emigrierte Schriftsteller und Übersetzer Ernst Weiß hatte schon zwei Jahre zuvor beim Einmarsch der deutschen Truppen seinem Leben ein Ende gesetzt.
Der Verleger Michael Faber hat der Neuedition des „Tartarin“ ein eigenes Nachwort angefügt, worin er die „bildnerischen Übersetzungen“, wie er die Illustrationen des Romans nennt, ausführlich Revue passieren läßt. Er trägt dafür viel einschlägiges Material zusammen, wofür man ihm Dank sagen muß, aber Fabers Urteilen über den künstlerischen Rang all dieser mit Bildern der unterschiedlichsten Art ausgestatteten Bände sollte man nicht in jedem Fall folgen. Auch ist der Text in manchen Passagen nicht sehr durchsichtig formuliert und hätte einen hauseigenen Lektor verdient gehabt, der sicher auch einige Druckfehler und Ungenauigkeiten korrigiert hätte, so etwa die falsche Schreibung des Übersetzernamens auf S. 178. Zwar findet sich immer einmal wieder die Version „Weiss“, aber der Autor zeichnete seine Briefe und andere Dokumente mit „Weiß“, was mithin die gültige Namesform ist.
In einer abschließenden Auflistung von Übersetzungen des „Tartarin“ ins Deutsche und der hierzulande erschienenen illustrierten Ausgaben, für die so bedeutende Künstler wie Emil Preetorius, George Grosz und Josef Hegenbarth gewonnen werden konnten, bringt es der Verlag fertig, die kurze Passage über die Originalausgabe der Übertragung von Ernst Weiß mit gleich vier Fehlern zu garnieren: Statt des richtigen Erscheinungsjahrs 1928 wird 1930 angegeben, dem Vorname des Illustrators Walther Klemm wird das „h“ entzogen, der Deutschen Buch-Gemeinschaft fehlt der Bindestrich – und der Nachname des Übersetzers ist erneut mit „ss“ falsch geschrieben. All diese Unebenheiten werden hoffentlich bei der zweiten Auflage ausgebügelt, die man dem wirklich schön und lesefreundlich gestalteten Buch sehr wünschen möchte.
Autor: Peter Engel
Bibliographische Angaben:
- Alphonse Daudet: Tartarin von Tarascon. In der Übersetzung von Ernst Weiß und mit den wunderbaren Illustrationen von Jacques Touchet
- Grafische Gestaltung: Thomas Walther, BBK; Satz und Reproduktion: Ö Grafik; Schrift: Bree, Bree Serif; Papier: CORDIER FLY OS; Druck und Bindung: CPI, Ulm; Schuber und Lesebändchen
- Verlag Faber & Faber, Leipzig 2022, 184 S., € 36,-
16.01.2023 Rubrik: Beiträge Direktlink
