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21. Oktober 2026
Nicht sonderlich ergiebig - Zur Neuausgabe des Romans „Das verlorene Kind“ von Rahel Sanzara
von Peter Engel
Als 1982 die 16 Bände umfassende Edition mit Werken von Ernst Weiß im Suhrkamp Verlag erschien, bedeutete das nicht nur eine Wiederentdeckung dieses fast schon verschollenen Autors, sondern diese Publikation bewirkte auch ein starkes Interesse an Rahel Sanzara, seiner Mitarbeiterin und langjährigen Geliebten. Damals erschien nicht nur ihr 1926 erstmals publizierter Roman „Das verlorene Kind“ wieder neu, mit dem sie seinerzeit einen großen Erfolg erzielt hatte, sogar ihr 1936 ganz übersehenes zweites Buch „Die glückliche Hand“ wurde wieder aufgelegt. Dazu gab es etliche literaturwissenschaftliche Studien über die Autorin, nicht zuletzt unter feministischen Vorzeichen. Wenn das alles auch nicht von übergroßer Nachhaltigkeit bestimmt war, so wurde Rahel Sanzara doch nach vielen Jahrzehnten völliger Vergessenheit immerhin als ernsthafte Schriftstellerin wieder wahrgenommen. Allerdings fielen über ihre beiden Bücher dann die üblen Nachdruckverlage mit ihren meist knalligen Einbänden her, die sich nach dem Wegfall der 70jährigen Schonfrist auch an den Romanen von Ernst Weiß gütlich getan hatten. An verschiedenen Nachdrucken des seinerzeitigen Bestsellers von Rahel Sanzara ist jedenfalls kein Mangel, antiquarisch ist er ohnehin zu haben.

So war die Situation, als der Göttinger Wallstein Verlag der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Nicola Behrmann eine Neuausgabe des Romans „Das verlorene Kind“ hundert Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung übertrug. Die Herausgeberin teilte mir im Herbst letzten Jahres in einer Mail die mich verblüffende Neuigkeit selbst mit und nannte ihr Vorhaben eine „historisch-kritische Edition“ des Werks, was mich noch mehr erstaunte, denn das wäre ja ein äußerst ambitioniertes Vorhaben gewesen, das gewöhnlich nur etablierten Schriftstellern des traditionellen Lesekanons zugute kommt, jedoch nicht einer Autorin, die überhaupt erst für ein größeres Publikum angemessen einzunehmen wäre. Außerdem fehlten für eine so hochgestochene Absicht gewisse Voraussetzungen, denn es gibt kein erhaltenes Manuskript des Romans, nur unklare Daten über die Umstände seiner Entstehung, überhaupt ganz wenig Verwertbares für eine Erläuterung seiner Edition und lediglich einen Vorabdruck, der von einer Zeitungsredaktion eingerichtet worden war, nicht von der Verfasserin des Werks. Meine Zweifel dem Vorhaben gegenüber behielt ich für mich, ging in meiner Antwort an die Wissenschaftlerin aber auf ihre Bitte ein, ein „Gespräch über Rahel Sanzara“ bei einem ihrer Hamburg-Besuche zu führen, akzeptierte das gern und bot überhaupt Hilfe an. Seitdem wartete ich auf eine Antwort von Nicola Behrmann, aber ich hörte nie wieder etwas von ihr.
Nun also liegt die Neuausgabe vom „Verlorenen Kind“ vor, es ist natürlich keine historisch-kritische Edition geworden, sondern lediglich eine kommentierte und um Dokumente zur Wirkungsgeschichte des Romans angereicherte. Für einen „normalen“ Neuleser wäre soviel Aufwand nicht unbedingt nötig gewesen, dem hätte ein gut informierendes Nachwort über den „Fall Rahel Sanzara“ und eine einleuchtende Interpretation des Erzählwerks selbst vermutlich völlig ausgereicht. Aber der Anspruch der Herausgeberin – siehe „historisch-kritische Edition“ – war eben ein höherer und weit hinausgehend über eine ordentlich gemachte Leseausgabe. Es sollte offensichtlich etwas seriös Wissenschaftliches sein, für ein akademisch gebildetes Publikum gedacht, das etwas mit Begriffen wie Typoskript, Textgestalt oder Varianten anzufangen weiß. Allerdings kann die moderne Editionsphilologie am Beispiel des Sanzara-Romans nun gerade keine großen Feste feiern, dafür ist der Materialbestand einfach zu dürftig und der Bedarf an einem Kommentar viel zu gering, denn es handelt sich bei dem Werk nicht um schwierige Erzählstrategien, es liegen keine komplizierten Personenkonstellationen oder exotische Tatbestände vor, sondern die Abgründe dieses Romans, der Mord an einem kleinen Kind durch einen Heranwachsenden, haben etwas mit der menschlichen Seele und ihrer letztendlichen Unauslotbarkeit zu tun.
Von den 140 Seiten des Anhangs – der Roman selbst umfaßt 307 Seiten – ist denn auch nur etwas mehr als ein Drittel dem sogenannten Apparat vorbehalten, also der Textüberlieferung, der Textgestalt, den Varianten und den Anmerkungen zu den neun Kapiteln des Romans, wahrlich keine sonderlich ergiebige Veranstaltung. Hingegen bietet die Abteilung „Dokumente zur Wirkungsgeschichte“ auf fast 60 Seiten neben vielen schon bekannten Rezensionen auch allerlei, was selbst Kennern der Materie neu ist. Fast sensationell ist darunter ein kurzer Text des bedeutenden russischen Lyrikers Ossip Mandelstam zu nennen, dessen Gedichte Paul Celan Jahrzehnte später auf seine besondere Art ins Deutsche übertragen hat und der zusammen mit seiner Frau seinerzeit ein „internes Gutachten“ für sowjetische Verlage über das Sanzara-Werk anfertigte. Darin sprach er sich entschieden gegen eine Übersetzung vom „Verlorene Kind“ aus, denn in „gesellschaftlicher Hinsicht“ sei der Roman „unaufrichtig“, wenn seine Handlung auch als „interessant“ erscheine. Abschließend heißt es über das Buch: „Es ist durch und durch ungesund, spielt mit pathologischen Phänomenen und verzerrt die Realität.“ Es wäre allerdings genauer zu untersuchen, unter welchen Umständen der Dichter zu seinem Urteil in einer Zeit kam, als sich die späteren Stalinschen „Säuberungen“ schon abzeichneten, denen er dann 1938 selbst zum Opfer fiel.
Dieser Text Mandelstams und andere neu entdeckte Besprechungen des Romans machen jedenfalls den eigentlichen Mehrwert der Neuausgabe aus, der noch weit größer gewesen wäre, wenn die Herausgeberin zumindest wesentliche Teile der Quelle von Rahel Sanzara, des 1874 erschienenen Buches „Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit“, hätte abdrucken lassen. Aus diesem Werk wird zwar einiges zitiert, aber der Gewinn für den Leser wäre ungleich größer gewesen, wenn die Quelle selbst in einigen bezeichnenden Passagen hätte sprudeln dürfen. In dem Fall wäre jeder Leser der Edition in der Lage gewesen, sich selbst ein unbefangenes Bild davon zu machen, wie wenig Rahel Sanzara von ihrer Vorlage tatsächlich übernommen und wie stark sie hingegen den Quelltext in ihre eigene erzählerische Version umgewandelt hat.
Ein solcher Vergleich wäre auch deshalb von besonderem Wert gewesen, weil die Schriftstellerin nach dem Erscheinen des Romans mit zum Teil harschen Plagiatsvorwürfen konfrontiert worden war, gegen die sie unter anderem Gottfried Benn in sehr nobler Weise in Schutz nahm. Das Nachwort zur Neuausgabe vom „Verlorenen Kind“ ist eine solide Fleißarbeit der Herausgeberin, worin sie die ihr zur Verfügung stehenden Materialien in angemessener Weise auswertet, aber eine irgendwie neue Sicht auf den Roman bietet der Text nicht.
Rahel Sanzara: Das verlorene Kind. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Nicola Behrmann, unter Mitarbeit von Nadja von Bossel Wallstein Verlag, Göttingen, 440 Seiten, € 30
Über den Autor

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin
(Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg
und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als
Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller
und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter
Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den
siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er
zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden
(Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv,
in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben
der Weiß-Romane befinden.
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