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24. September 2026

Der Schriftsteller Ernst Weiß als Filmfigur

von Peter Engel

Die letzte Staffel der Fernsehserie „Babylon Berlin“, die in diesem Jahr im Ersten Programm ausgestrahlt wurde und in der ARD-Mediathek weiterhin zu sehen ist, macht nicht nur erhebliche Anleihen bei dem Roman „Der Augenzeuge“ von Ernst Weiß, sondern in der am 19. September im Abendprogramm gesendeten vierten Folge trat der Autor sogar selbst auf, dargestellt von dem Schauspieler Godehard Giese. Es ist das erste Mal, daß Weiß damit zu einer Spielfilmfigur wurde. Ein zentraler Handlungsstrang der fünf Folgen dreht sich um die "Krankenakte" aus dem Hospital in Pasewalk, wo Hitler gegen Ende des Ersten Weltkriegs wegen „hysterischer Blindheit“ von dem dortigen Arzt Dr. Edmund Forster, gespielt von Ulrich Noethen, untersucht und angeblich in einer Hypnose geheilt worden sein soll. Das ist auch eine Schlüsselszene im „Augenzeugen“, aber die Heilung ist nicht verbürgt und in der Forschung höchst umstritten, der Realitätsgehalt des gesamten Vorgangs wird durchweg bestritten.

Der Schriftsteller Ernst Weiß als Filmfigur

Die fiktive Jagd nach Adolf Hitlers Krankenakte ist das dramaturgische Herzstück der fünften und letzten Staffel von „Babylon Berlin“. Während die Serie einen „spannenden Thriller“ rund um Erpressung, Spionage und Mord spinnt, basiert die Geschichte „im Kern“ auf einem Geschehen, das Ernst Weiß in seinem Roman auf die ihm eigene Weise gestaltet hat. Ob der Psychiater Edmund Forster aber Hitler in Pasewalk tatsächlich selbst und auf die Weise behandelt hat, wie Weiß es beschreibt, ist ungewiß. Die medizinischen Unterlagen verschwanden nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung schon Ende der 1920er Jahre, sie wurden mutmaßlich vernichtet oder von Nazis beiseitegeschafft, lange bevor Hitler Kanzler wurde. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß das den Diktator belastende Material, das ihn schon gleich zu Beginn seiner „Weltkarriere“ als Psychopathen entlarvt hätte, noch einmal irgendwo auftauchen könnte,

In der vierten Folge der finalen Staffel von „Babylon Berlin“ flieht der von Nazis gejagte Dr. Forster mit Hilfe von Gereon Rath, einer fiktiven zentralen Figur der TV-Serie, nach Frankreich, erst in einem Zug bis Köln, wo der dortige Oberbürgermeister Konrad Adenauer – eine freie Erfindung – den Fliehenden sogar ein Flugzeug organisiert. Mit seiner Begleitung trifft Forster dann in einem Pariser Lokal auf den Schriftsteller Ernst Weiß, der ganz für sich allein dort sitzt und erst ziemlich abweisend auf die ihm unbekannten Personen reagiert. Als er aufgeklärt worden ist, worum es sich überhaupt handelt und was man von ihm erwartet, zieht er sich mit dem Dr. Forster zurück, um sich von ihm über die Pasewalker Episode mit Hitlers „hysterischer Blindheit“ unterrichten zu lassen und mit Hilfe dieses Materials die Arbeit an seinem Roman „Der Augenzeuge“ aufzunehmen.

Die genannte Szene ist vom Drehbuchverfasser dieser Folge gänzlich erfunden worden, denn zum Zeitpunkt der Filmhandlung, die vor dem Reichstagsbrand liegt, befand sich Ernst Weiß noch in Berlin und flüchtete erst nach dem spektakulären Brand zu seiner Mutter nach Prag. Nach deren Tod ging er 1934 ins Pariser Exil, mit der Arbeit an seinem letzten Roman „Der Augenzeuge“ begann er erst Jahre später und schloß die erste Fassung 1938 ab. Die Überarbeitung des Werks, also eine zweite Fassung, gilt als verschollen, das Erscheinen des Buches im Jahr 1963 hat der Verfasser nicht erlebt, denn er unternahm bekanntlich beim Einmarsch deutscher Truppen in Paris einen Selbstmordversuch und starb am 15. Juni 1940 in einem Krankenhaus.

In der TV-Serie „Babylon Berlin“ wird das tatsächliche Rätsel um Hitlers Pasewalker Krankenakte und das Ende des echten Dr. Forster, der 1933 Selbstmord beging, mit einem gewissen dramaturgischen Geschick weidlich ausgeschlachtet, mit den tatsächlichen Geschehnissen haben etliche Passagen aber nichts zu tun, sie werden tatsächlich mit weit mehr als „dichterischer Freiheit“ zum Teil zeitlich völlig anders „eingeordnet“, verdreht oder gleich frei erfunden. Vor allem wird aus der möglichen Existenz von Hitlers Krankenakte eine Tatsache gemacht. Es gibt auch bis heute keinerlei Beweise dafür, daß sich der Psychiater Forster und Weiß je trafen oder Dokumente zwischen ihnen ausgetauscht wurden. Besonders kritisch wird in der Forschung die Version gesehen, daß Forster den Gefreiten Hitler in Pasewalk mittels Hypnose geheilt habe. Wenn im Roman und – von ihm übernommen – auch in der TV-Serie von dem Arzt suggeriert wird, sein „blinder“ Patient besitze eine „göttliche Sehkraft“ und sei dazu auserwählt, Deutschland zu retten, womit Hitlers psychopathischer Größenwahn überhaupt erst begründet werde, so gilt diese Hypothese nach heutiger allgemeiner Auffassung der Geschichtswissenschaft als „historische Mythenbildung“. Es sei eine unzulässige Vereinfachung, den Aufstieg des Nationalsozialismus und Hitlers Radikalisierung monokausal auf ein einziges medizinisches Ereignis im Jahr 1918


Über den Autor

Peter Engel

Peter Engel, Geboren 1940 in Eutin (Schleswig-Holstein). Studium der Germanistik und Anglistik in Hamburg und Heidelberg. Abschluß mit dem Staatsexamen. Arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur einer Nachrichtenagentur, seitdem freier Schriftsteller und Kunstkritiker. Mitinhaber des Verlags Angeli & Engel.
Peter Engel hat über 20 Jahre über Ernst Weiß geforscht und war in den siebziger und achtziger Jahren Herausgeber der Weiß-Blätter. 1982 war er zudem der Herausgeber der Gesammelte Werke von Ernst Weiß in 16 Bänden (Suhrkamp Verlag). Er besitzt zudem ein umfangreiches Ernst-Weiß-Archiv, in dem sich auch zahlreiche Briefe von Ernst Weiß und Originalausgaben der Weiß-Romane befinden.

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